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Heißumkämpfte Influenza-Impfstoffe

Das hätte sich vor einem Jahr wohl niemand vorgestellt: In Österreich gibt es heuer einen Run auf Influenza-Vakzine aufgrund der Corona-Pandemie. Viele Apotheken führen lange Wartelisten mit Vormerkungen. Insgesamt sind rund 1,25 Mio. Dosen eingekauft bzw. vorbestellt, um rund 56 Prozent mehr als sonst. 400.000 allein für Wien, wo am 1. Oktober die „Impf-Bim“ am Karlsplatz einfuhr.

Die Impfquote betrug im Vorjahr lediglich 8 Prozent. Doch dieses Jahr werden es deutlich mehr sein und es werden auch keine Impfdosen übrigbleiben. Ganz im Gegenteil. Ein Wiener Apotheker erzählte – am 30.09.2020, einen Tag vor Beginn der Gratis-Grippeimpfaktion in der Bundeshauptstadt und elf Tage vor der Landtags- und Gemeinderatswahl – der APA, dass er nur 200 Impfstoffe bekomme: „Ich habe aber 846 Vormerkungen.“ Die Impfstoffhersteller beruhigen und verweisen auf „wesentlich mehr“ verfügbare Vakzine als in den Vorjahren.

„Ich glaube, man sollte nicht in eine Art Panik verfallen“, sagt Mag. Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Verbandes der Österreichischen Impfstoffhersteller (ÖVIH), „wir bekommen in diesem Jahr für die Erwachsenen allein mehr an Influenza-Vakzinen als vergangenes Jahr in Österreich für Erwachsene und Kinder gemeinsam.“ Die Zahlen: Rund 800.000 Impfstoffdosen waren es in der vorigen Grippesaison, für 2020/2021 sind rund 1,25 Mio. Dosen vorgesehen.

Lieferungen nach und nach

Außerdem würden die Hersteller im Gegensatz zu den Vorjahren sukzessive liefern. „Und sie beginnen jetzt, die ersten Chargen auszuliefern“, informiert Gallo-Daniel. Und so teilen sich die vom Bund bestellten 1,25 Mio. Dosen auf: 350.000 nasal zu verabreichende Impfstoffe für das Kinderimpfprogramm, 400.000 Dosen hat die Gemeinde Wien gekauft, 90.000 Dosen an speziell für betagte Menschen geeigneter Influenza-Vakzine hat der Bund für Pflegeheime & Co bestellt. Macht zusammen 840.000 Dosen. „Der Rest geht in den freien Verkauf an die Apotheken“, erklärt Gallo-Daniel.

Doch Oberösterreich hat ebenfalls schon rund 200.000 Dosen bestellt. Das sind dann zusammengerechnet bereits mehr als eine Million von den 1,25 Mio. Dosen. Jedenfalls hätte man sich dazu entschlossen, möglichst viele Apotheken zu beliefern, was die Menge für die einzelnen Apotheken vorerst reduziere, sagt Gallo-Daniel. Es werde aber nachgeliefert werden. Das alles macht die Situation etwas unübersichtlich. „Aber man muss sich nicht schon Ende September gegen die Influenza impfen lassen“, erinnert die ÖVIH-Präsidentin daran, dass die saisonale Grippe meist erst ab Mitte Jänner losgehe.

Bei „niedergelassenen“ Apotheken regt sich allerdings viel Unmut: „Ich habe bei dem Unternehmen angerufen, das den adjuvierten Influenza-Impfstoff für ältere Menschen herstellt, weil ich nichts von der Bestellung bekommen habe“, erzählt ein Apotheker. Er erhielt als Antwort: „Wir haben schon alles verkauft.“ Die Bundesbeschaffungsagentur hätte das getan, „man hätte bloß an ein paar Apotheken mit (Pharma-)Großhandelskonzession geliefert“. Er werde „nie wieder“ bei einer Impfaktion mitmachen, ist er erbost, da die öffentlichen Apotheken quasi auf dem Impfstoffmarkt für die Influenzavakzine ausgeschaltet worden seien.

WHO: Pflegekräfte und Ältere zuerst

Wenige Tage zuvor hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen der großen Nachfrage nach Grippe-Impfstoffen vor möglichen Engpässen gewarnt. Länder, die nicht genug Impfstoff bestellt haben, sollten Prioritäten setzen und zuerst Pflegepersonal und ältere Menschen impfen, heißt es in einer neuen WHO-Empfehlung. Ein höherer Bedarf habe sich aufgrund der Corona-Pandemie im April abgezeichnet, sagte die Leiterin des WHO-Impfprogramms, Dr. Ann Moen, am 25.09.2020 in Genf.

Ein Lichtblick kommt unterdessen von der Südhalbkugel: Während in normalen Jahren zehn bis 30 Prozent der untersuchten Patientenabstriche Influenza-Infektionen aufwiesen, sei es in der abgelaufenen Saison weniger als ein Prozent gewiesen, sagte Moen und führte dies auf die Corona-Schutzmaßnahmen wie Abstand halten, Handhygiene und Maskentragen zurück, die auch vor anderen Infektionen schützen.

Grippe-Impfstoffe müssten neun bis zwölf Monate vor Beginn der Saison bestellt werden – was vor der Coronavirus-Pandemie gewesen sei. Zwar hätten einige Hersteller ihre Kapazitäten ausgebaut, jedoch seien Engpässe beim Grippe-Impfstoff möglich, weil Gesundheitsdienste den erhöhten Bedarf bei der Bestellung eben nicht abschätzen konnten.

Im Vorjahr: 765.000 Dosen verimpft

Mitte Juli gab das Gesundheitsministerium in einer Aussendung bekannt, dass „um 40 Prozent mehr Dosen“ zur Verfügung stehen würden, mittlerweile dürften es etwas mehr sein. Denn als Gesamtmenge wurde damals die Zahl von 1,1 Mio. Impfdosen genannt: „Dies entspricht einer Steigerung von gut 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, in dem rund 765.000 Dosen verimpft wurden.“ Vergleicht man nun die vorhin genannten rund 800.000 Dosen mit den zuletzt genannten Bestellmengen von 1,25 Mio. Dosten, ist das eine Zunahme von 56,3 Prozent.

Impfstoffhersteller würden mit eineinhalbjähriger Vorlaufzeit mit der Planung der Produktion beginnen. „Im Rahmen von öffentlichen Impfstoffbeschaffungen müssen die Gesundheitsbehörden daher ihren jeweiligen Bedarf bereits frühzeitig einmelden“, hieß es im Juli seitens des Gesundheitsministeriums. Für die kommende Influenza-Saison seien Bedarfsmeldungen zu Beginn der Pandemie bereits abgeschlossen gewesen. Die Influenza-Immunisierung wurde für das kommende Jahr in das Kinder-Impfprogramm aufgenommen: „Dadurch können 100.000 Kinder im Alter von zwei bis 15 Jahren in der kommenden Saison mit einem nasalen Impfstoff kostenfrei geimpft werden.“ Im Juli wurde laut Aussendung auch beschlossen, dass der Bund die Finanzierung von 100.000 zusätzlichen Impfstoffen für Menschen, die älter als 65 Jahre sind, sicherstellt.

Gesundheitsreferenten: „Impfen auf Krankenschein“

Am 29.05.2020 haben sich die Gesundheitsreferenten für „Impfen auf Krankenschein“ ausgesprochen, wie damals Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SP) laut APA informiert hat. Derzeit liege die Durchimpfungsrate gegen Grippe bei 8 Prozent. Für eine Herdenimmunisierung wären 40 bis 50 Prozent nötig, führte Niederösterreichs Gesundheitslandesrat Martin Eichtinger (VP) aus. Es müsse aber zu einer „dramatischen Anhebung“ kommen, was durch eine „Bewusstseinskampagne“ geschehen solle.

Konferenz-Vorsitzende OÖ-Landeshauptmann-Stellvertreterin Mag. Christine Haberlander (VP) dazu: „Jedes Prozent mehr“ sei ein Erfolg. Flankierend dazu müsse jedoch der Bund auch sicherstellen, so die turnusmäßige Konferenzvorsitzende, dass ausreichend Impfstoff vorhanden sei, waren sich die Konferenzteilnehmer einig gewesen.

„Impf-Bim“: Rekord bei Buchungen

Vier Monate später, am 01.10.2020, wurden die ersten Wiener in einer „Impf-Bim“ am Karlsplatz geimpft (siehe auch https://pharmaceutical-tribune.at/10059400/2020/gratis-grippe-impfen-in-der-bim/). SP-Bürgermeister Dr. Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker luden zum Medientermin und berichteten von einem Rekord bei Buchungen – bereits 42.000 Wiener haben sich angemeldet. Der Oktober sei schon ziemlich ausgebucht, sagte Hacker, es würden demnächst die November-Termine freigeschaltet.

Neben den Impfzentren mit 34 Impfstraßen kommen die vier Impfzentren der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und die „Impf-Bim“ dazu: Eine umgebaute Straßenbahngarnitur wird sechs Wochen lang jeweils eine Woche an den Stationen Karlsplatz, Schwedenplatz, Belvedere, Kenndybrücke, Westbahnhof und Schottenring als mobile Impfstation betrieben.

Hacker: „Andere haben das verschlafen“

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern habe man zu den im bereits im Vorjahr bestellten 40.000 Präparaten im Frühjahr weitere 320.000 Impfdosen bestellt. Dazu kämen noch 40.000 Dosen der Kinderimpfung, was in Summe 400.000 Grippeimpfdosen ausmache. Die Kritik aus anderen Bundesländern an dieser „Wiener Großbestellung“ ficht Hacker nicht an: Alle hätten es gewusst, dass man im April den Impfstoff bestellen müsse, „wir haben bestellt, andere haben das verschlafen“. (APA/red)

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