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Einhornpulver, Kranichschnabel und ägyptische Mumien – Die magische Hausapotheke

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen uns das neuartige Coronavirus zusammen mit der kommenden Influenzasaison tagtäglich Kopfschmerzen an der Tara bereiten, tauchen immer wieder spannende Wunderarzneien auf. So fragte mich letzte Woche ein Kunde nach Einhornessenzen. Diese würden angeblich so viel positive und magische Energie freisetzen, dass das Coronavirus dadurch keine Chance hätte, in den menschlichen Organismus einzudringen. Nach kurzer Recherche konnte ich herausfinden, dass Einhornessenzen sehr wohl existieren, ich ihnen allerdings auf naturwissenschaftlicher Basis keinerlei Wirkung gegen das Coronavirus bestätigen konnte.

Mag. Karoline Sindelar, Msc

Das Einhorn (Unicornu verum) war jedoch schon im Mittelalter ein sehr beliebter Ausgangsstoff für verschiedene Arzneien, unter anderem für das damals sehr bekannte und äußerst kostspielige Einhornpulver. Dieses wurde zum Beispiel zur Entgiftung eingesetzt und um Nieren- und Gallensteine aufzulösen. Allerdings handelte es sich nicht damals natürlich nicht um das pulverisierte Horn des Fabelwesens, sondern um das gedrehte Horn des Narwals.

Die Einnahme ist zwar grundsätzlich nicht schädlich, allerdings auch von sonst keinem bedeutenden Nutzen. Etwas spezieller und weniger magisch war die Verabreichung von pulverisierten Mumienteilen. Und wenn man jetzt denkt, dass es sich hier um mittelalterliche Heilmittel handelt, der irrt! Mumienpulver (Mumia vera aegyptiaca) wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medikament verwendet. Laut Aufzeichnungen der Firma „E. Merck Darmstadt“ aus dem Jahr 1924 kostete 1 kg Mumienpulver 12 Goldmark (ca. 130 Euro). Mumienpulver wurde zur Wundbehandlung eingesetzt, konnte bei Hals- oder Kopfschmerzen eingenommen werden und obendrein galt Mumienpulver als das Potenzmittel der ersten Wahl. Eine vergleichbare Wirkung soll auch Cantharindenpulver besessen haben, das hauptsächlich aus pulverisierter Spanischer Fliege (korrekterweise eigentlich ein Käfer) bestand.

Wesentlich gefährlicher war die orale Verabreichung von Quecksilber als Therapie gegen Syphilis, die Anfang des 16. Jahrhunderts auch in Europa Einzug gehalten hatte. Nach der Einnahme mussten die meisten Patienten erbrechen, was als Therapieerfolg gewertet wurde. Denn nach der Lehre der Körpersäfte wurde der krankmachende Schleim somit ausgeschieden. Zusätzlich wurde Quecksilber noch als Salbe aufgetragen, wodurch die Patienten letztendlich an einer Schwermetallvergiftung verstarben. Im Gegensatz zu diesen Heilmitteln findet man das Grippepulver von Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert auch heute noch in Apotheken. Der Hauptbestandteil, neben Muskat und Betramwurzel, war Kranichschnabelpulver. Hier handelt es sich allerdings nicht um den Vogel, sondern um eine Geranium-Art, nämlich die Pelargonienwurzel. Und diese wird aufgrund ihrer immunmodulierenden, antibakteriellen, antiviralen und zytoprotektiven Eigenschaften auch heute noch gerne bei Erkrankungen der Atemwege und zur Stärkung des Immunsystems empfohlen.

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