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Kampagne für Corona-Schutzimpfung

Die Schutzimpfung gegen SARS-CoV-2 ist in Österreich bekanntlich holprig angelaufen. Aber auch zwischen den Bundesländern gibt es eklatante Unterschiede, wer wann drankommt. Unterdessen startete das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) die von der Bundesregierung unterstützte Kampagne „Österreich impft“ – mit fünf hochrangigen Medizinern. Doch während in manchen Bundesländern selbst Rettungsdienste noch gar wissen, wann sie an der Reihe sind, konnten sich in Vorarlberg beizeiten auch andere Gesundheitsberufe zur Impfaktion anmelden. Das freute Apothekerverbands-Präsident Mag. Jürgen Rehak (siehe Bild) und sein Team – geimpft am Samstag, den 09.01.2021.

Beschwerden habe er keine, berichtet der oberste Interessensvertreter der selbständigen Apotheker sowie Präsident der Landesgeschäftsstelle Vorarlberg der Österreichischen Apothekerkammer auf Nachfrage vonseiten unserer Redaktion, „abgesehen von einer leichten Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle“ – ebenso wie der Rest seines Teams. Daher: „Mein Appell an die Österreicherinnen und Österreicher ist: Lassen Sie sich impfen!“

Ungleich emsig vom Neusiedlersee bis zum Bodensee

Doch dies dürfte gar nicht so leicht sein. Während der Präsident am Bodensee schon geimpft ist, berichtet der Präsident am Neusiedlersee, Mag. Dieter Schmid, auf eine diesbezügliche Frage eines Apothekers in den sozialen Medien, dass er seitens der Landesgeschäftsstelle Burgenland schon seit zwei Wochen erfolglos verhandle. Dass Kollege Rehak schon geimpft ist, kann dieser aber gut erklären: „Wie auch alle anderen Gesundheitsberufe wurden auch die Teams der Vorarlberger Apotheken zur Impfaktion der Landesregierung eingeladen, damit das Personal in der kritischen Infrastruktur geschützt ist. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ich selbst haben gerne daran teilgenommen.“

Auf Nachfrage, wann denn alle Apotheker in Österreich Aussicht auf eine Impfung hätten und ob dies bundesweit einheitlich sei, ließ die Österreichische Apothekerkammer wissen, dass es dafür derzeit „keine einheitliche Regelung“ gebe: „Der Zeitpunkt der Impfung wird von den jeweiligen Bundesländern festgelegt. Dieser Vorgang ist in einigen Ländern weiter fortgeschritten, in anderen weniger weit.“ Die Details seien in Ausarbeitung, nur die Bundesländer können dazu Auskunft geben.

NIG: Rettungsdienste Priorität 1

Die Apotheker sind jedoch nicht die einzigen, die hier unterschiedlich von ihren Landesregierungen behandelt werden. Auch niedergelassene Ärzte und Rettungsdienste sowie mobiles Krankenpflegepersonal und Hochrisikogruppen können ein Lied von den verschiedenen Impfplänen singen – und dies, obwohl das Nationale Impfgremium (NIG) am 14.12.2020 sorgsam ausgearbeitete Empfehlungen mit sieben Prioritäten1 bei Impfstoffknappheit veröffentlicht hatte.

Dass zunächst Alten- und Pflegeheimbewohner und ihr Gesundheitspersonal drankommen, dürfte der kleinste gemeinsame Nenner sein. Im Wiener Impfplan2 (vier Phasen) stehen etwa noch „Gesamtes Personal innerklinisch“ und „Rettungsdienste“ in der Phase 1 – Primäre Zielgruppe (Hochrisikogruppe), während z.B. Organtransplantierte, Dialyse-Patienten oder Menschen mit Immundefizienz (2. Priorität bzw. 3. Priorität laut NIG) in Phase 2 – Erweiterte Risikogruppe aufgezählt werden und damit hinter der 4. Priorität des NIG „Gesamtes Personal innerklinisch“ (also nicht nur auf COVID-Abteilungen bzw. Personal ohne Patientenkontakt).

Niederösterreich impfte fast 19-mal mehr Menschen als Oberösterreich

In Oberösterreich und Tirol wiederum wurden die Rettungsdienste des Roten Kreuzes (RK) zumindest in manchen Bezirken noch gar nicht gefragt, ob sie sich impfen lassen wollen, während Sanitätspersonal anderer Rettungsdienste wie dem Arbeitersamariterbund (ASB) in Oberösterreich schon Impftermine im Jänner hat. In der Steiermark haben RK-Mitarbeiter mancher Dienststellen lediglich die Info, dass per Dezember für alle Sanitäter der Dienststelle Impfdosen bestellt wurden. In Niederösterreich hingegen wurden RK-Mitarbeiter schon im Vorjahr, am 22.12.2020, nach ihrer Impfbereitschaft befragt. Niederösterreich ist derzeit Impfmeister bei der COVID-19-Impfung: Bisher wurden 18.525 Menschen gegen COVID-19 geimpft. Zum Vergleich: Oberösterreich ist mit 985 Impfungen Schlusslicht (Stand 11.01.2021).

Zur eventuellen „Umordnung“ der Apotheker, Rettungsdiensten sowie von Risikogruppen weist Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, einer der fünf Sprecher der Initiative „Österreich impft“ (siehe unten), auf die NIG-Empfehlungen hin. Demnach haben Rettungsdienste 1. Priorität (PGR 1) und Apotheker PGR 3. Risikogruppen der angesprochenen medizinischen Indikationen sind in PGR 2. Überdies werde die Priorisierung gerade noch „präzisiert“ und demnächst online gestellt. „Zur Durchführungslogistik kann und werde ich nichts sagen, denn das ist ausschließlich Aufgabe der Länder und der Kammern, hier eine befriedigende Strategie zu entwickeln und durchzuführen“, so sein Kommentar zu den Unterschieden in den Bundesländern.

ÖRK könnte „jederzeit“ mit der Impfung der Mitarbeiter beginnen

Das ÖRK verweist auf Anfrage auf die Impfstrategie des Gesundheitsministeriums, wonach „Gesundheitspersonal mit hohem Expositionsrisiko“ in der Phase 1 geimpft werden soll. Es gebe dazu noch die Empfehlungen des NIG zur Priorisierung1: „Da wird nochmals festgelegt, dass MitarbeiterInnen des Rettungsdienstes zu den prioritären Zielgruppen gehören. Daher hat das Rote Kreuz seine internen Vorbereitungen abgeschlossen und kann jederzeit mit der Impfung seiner MitarbeiterInnen beginnen. Wir erwarten also zeitnah eine entsprechende Zuteilung von Impfstoffen.“

Zu den Unterschieden zwischen den Bundesländern präzisiert das ÖRK, dass der bundesweite Personalstand aus den infrage kommenden Bereichen an das Gesundheitsministerium übermittelt worden sei. „Die praktische Abwicklung passiert dann auf Landesebene zwischen den jeweiligen Impfkoordinatoren und den Landesverbänden des Roten Kreuzes und ist bereits im Gange. Und ja, da gibt es landesspezifische Unterschiede.“ Bei den Details – wann Abfragen stattfinden bzw. wann Impfungen angedacht sind, verweist das ÖRK auf die jeweiligen Landesregierungen bzw. die Impfkoordinatoren.

OÖ: Bald Impfungen auch für über 80-Jährige zuhause, in Wien Mitte Februar

Der Krisenstab des Landes Oberösterreich gab auf Nachfrage folgendes Statement ab: „Derzeit liegt der Schwerpunkt der Impfstrategie bei den Bewohner/innen und der Mitarbeiterschaft der Alten- und Pflegeheime. Zusätzlich werden in den KW 3 und 4 auch bis zu 2.400 Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker sowie Vertreterinnen und Vertreter des Rettungswesens pro Woche geimpft. Ebenso beginnen in Kürze die Impfungen für Menschen über 80 Jahre, die noch zuhause, also nicht in einem Alten- oder Pflegeheim, wohnen. In Summe werden bis Ende Jänner rund 48.000 Menschen in Oberösterreich gegen Corona geimpft sein. Je rascher Oberösterreich weiteren Impfstoff erhält, umso schneller können mehr Menschen geimpft werden. Hier sind wir gewissermaßen vom Bund abhängig bzw. von der Verfügbarkeit zusätzlicher bzw. neuer Impfstoffe. Die Planungen für das weitere Vorgehen bzw. das Impfen weiterer Gruppen gemäß Vorgaben/Empfehlungen des Bundes laufen intensiv.“

Die Stadt Wien gab am 12.01.2021 bekannt, bis Ende Jänner 48.500 Impfungen durchführen zu wollen (bis zum 11.01.2021 waren es 7.000 Menschen). Zudem startet am 15.01.2021 laut Bürgermeister Michael Ludwig eine „erste große Impfaktion“ für niedergelassene Ärzte (samt Mitarbeitern) und im Rettungsdienst: In 14 Impfstraßen in der Messe Wien sollen innerhalb von vier Tagen bis zu 11.000 Personen aus diesem Bereich geimpft werden. Über 80-Jährige wiederum, die nicht in Pensionistenwohnhäusern wohnen, sollen spätestens ab Mitte Februar geimpft werden.

Tirol: Klausur und intensive Arbeit an Impfstrategie

Die Erhebungen hinsichtlich der Impfbereitschaft der Mitarbeiter des Roten Kreuzes Tirol würden bereits „auf Hochtouren“ laufen. „Das Land Tirol befindet sich dahingehend in engem Kontakt mit der Tiroler Rettungsdienst GmbH“, teilt eine Sprecherin der Tiroler Landesregierung auf Anfrage mit. Und weiter: „Derzeit erfolgen bereits COVID-Impfungen bei MitarbeiterInnen in Wohn- und Pflegeheimen sowie in den COVID-Stationen in den Tiroler Krankenhäusern. In der nächsten Phase wird dem Gesundheitspersonal die Impfung angeboten. Hinsichtlich der weiteren Impfstrategie des Landes Tirol sowie an konkrete Impftermine wird derzeit intensiv gearbeitet, um einen bestmöglichen Ablauf zu garantieren. Zudem dürfen wir darauf verweisen, dass das Thema COVID-Impfungen in Tirol auch eines jener Themen ist, das heute und morgen bei der Klausur der Tiroler Landesregierung behandelt wird. Im Anschluss werden dazu die Neuigkeiten im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert.“

Drei Botschaften für Skeptiker unter Ärzten und Gesundheitspersonal

Zu der immer wieder zu hörenden mangelnden Impfbereitschaft auch von Ärzten und Gesundheitspersonal hat Kollaritsch drei Botschaften. Erstens: „Sie schützen sich selbst vor einer Erkrankung UND vor einem Ausfall und Sie wissen, wie wichtig Sie für die Behandlung der Patienten sind.“ Zweitens: „Je mehr sich impfen lassen, desto früher bekommen Sie ein Stück unserer persönlichen Freiheit zurück.“ Drittens: „Sie haben eine Vorbildwirkung.“ Es mache ihn immer „sehr betrübt“, wenn diese Vorbildwirkung nicht wahrgenommen werde.

Nachsatz: Obwohl er schon 40 Jahre im Impfwesen tätig sei und mehr als eine halbe Million Menschen geimpft habe, seien „noch nie“ so viele Informationen online zugänglich gewesen, „aber man muss sie auch lesen“. Außerdem verweist er auf die zahlreichen Fortbildungs-Webinare sowie auf den Österreichischen Impftag3 am 23.01.2021. Auch habe er ein Büchlein veröffentlicht („Corona-Impfung: Pro und Contra“, Anm.), das bei der Entscheidungsfindung helfen soll.

Keine Impfpflicht für Gesundheitspersonal

So wie Kollaritsch spricht sich auch das ÖRK als Initiator der Kampagne gegen eine Impfpflicht auch von Gesundheitsberufen aus, selbst wenn die Kampagne zur Erhöhung der Impfbereitschaft unzureichend wirken sollte. Denn: „Wir sind der festen Überzeugung, dass eine transparente, faktenbasierte und medizinisch fundierte Information der Schlüssel zur Impfbereitschaft sind. Daher richtet sich die Initiative selbstverständlich auch an Personal im Gesundheitsbereich.“ Die „Initiative Österreich impft.“ setze auf eigenverantwortliche Entscheidungen und auf Freiwilligkeit.

Impfstoff: 6. Dosis bald offiziell genehmigt

Aufklärungsbedarf dürfte es auch über die Verwendung einer eventuell 6. Dosis wegen der Fläschchen-Überfüllung des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer (regulär 5 Impfdosen) geben. Derzeit gibt es keine Kontrolle darüber, ob und an wen Impfärzte die 6. Dosis verimpfen. Damit soll zukünftig Schluss sein: Der Antrag der Firma liegt laut Kollaritsch schon bei der Europäischen Arzneimittel-Behörde EMA, mit der offiziellen Genehmigung ist bald zu rechnen.

Wie die „Initiative Österreich impft“ wirken soll

Am 11.01.2021 stellte das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) mit fünf Sprechern die Initiative „Österreich impft“ vor. Die Kampagne wird von der Bundesregierung unterstützt und will in den Medien breit und objektiv über die SARS-CoV-2-Schutzimpfung informieren. Möglichst alle Menschen in Österreich sollen sich impfen lassen, so das ambitionierte Ziel. Jeder kann Teil/Partner der Initiative werden, etwa Unternehmen, Organisationen, Vereine. Alle Infos unter https://www.österreich-impft.at. Die fünf Sprecher:

Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, Facharzt für Innere Medizin, Vorsitzender der Heilmittel-Evaluierungs-Kommission im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, weist darauf hin, dass vor etwa einem Jahr mit der Entwicklung von Schutzimpfungen gegen COVID-19 begonnen wurde. Die Impfstoffe seien weltweit „schon millionenfach verwendet“ worden, sagte er in Richtung der Unentschlossenen – knapp die Hälfte der Österreicher.

Univ. Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Wissenschaftliche Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums, Professorin für Vakzinologie, Fachärztin für Spezifische Prophylaxe, Tropenhygiene und Immunologie, Vorstand des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie, Ärztliche Leiterin der Spezialambulanz für Impfungen, Reise- und Tropenmedizin der MedUni Wien und Referenzzentrum des Gesundheitsministeriums, spricht von der „glücklichen Lage“, Impfstoffe zu haben, um damit die Pandemie „wieder in den Griff zu bekommen und dem Virus die Stirn zu bieten“. Sie weiß aber auch als Ärztin, dass kaum eine andere medizinische Disziplin so kontrovers und mit Ängsten und Sorgen behaftet sei. Daher gelte es, den vielen „Fehlmeldungen und Unwahrheiten“ entgegenzutreten.

Univ. Prof Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Gerichtssachverständiger und Impfexperte, Mitglied im nationalen Impfgremium, rechnet vor, dass beispielsweise bei der Influenza 40 Personen geimpft werden müssen, um einen Krankheitsfall zu verhindern – bei COVID-19 wären es nur fünf Menschen. Und um einen Todesfall zu verhindern, brauche es 450 geimpfte Personen. Das zeige, wie „ungeheuer hoch“ der Nutzen der Corona-Impfung sei.

Dr. Reingard Glehr – Allgemeinmedizinerin mit Hausarztpraxis (Kassenordination) in Hartberg, Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV), Medizinische Universität Graz, rät zweifelnden und unentschlossenen Menschen zu einem Gespräch mit den Hausärzten. Diese seien „Schlüsselfiguren in der Aufklärung der Bevölkerung“.

Dr. Eva Höltl – Arbeitsmedizinerin, Leiterin des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, Leiterin des Gesundheitszentrums der ERSTE Bank AG, erinnert daran, dass es „für uns alle“ erst dann vorbei sein werde, „wenn wir viele sind“. Die Impfung sei sicher, nun gehe es darum, umfassend und verständlich zu informieren.

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