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Klinik-Chef spricht sich für impfende Apotheker in Österreich aus

Rudolph Pointner

Univ.-Prof. Dr. Rudolph Pointner, Ärztlicher Direktor des Tauernklinikums, spricht sich für impfende Apotheker aus.

Nun will auch Italien in den Apotheken Corona-Schutzimpfungen durchführen lassen. In Österreich ist das rechtlich nicht erlaubt. Apotheker ziehen zwar die Spritzen auf, richten alles her und dokumentieren – es fehlt nur der Stich. Warum sollen Apotheker nicht impfen dürfen, fragt sich Univ.-Prof. Dr. Rudolph Pointner, Ärztlicher Direktor des Tauernklinikums. Was die jüngste Skepsis der Ärztekammer betrifft, verweist er auf andere Länder. Pharmazeuten könnten in kürzester Zeit darauf geschult werden, zitiert Klinikapothekerin Mag. Sonja Guntschnig eine Studie, wonach Ärzte entlastet werden und zudem die Durchimpfungsraten steigen. Dies zeigten laut Dr. Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer, auch Länder, in denen Apotheker schon länger impfen.

Wenn Pharmazeuten impfen können, profitiert das gesamte Gesundheitssystem: „Dem Patienten erspart es einen Weg, den Ärzten nimmt es Arbeit ab und auch die Impfquoten steigen“, so fasst Mag. Sonja Guntschnig, Klinikapothekerin im Tauernklinikum – Standort Zell am See, einen Review von Poudel et al.* (2019) zur Rolle der Pharmazeuten bei Impfungen zusammen.

In dieser Studie werden die Erfahrungen einiger Länder untersucht, in denen Apotheker schon länger impfen: Australien, Kanada, Irland, Neuseeland, Portugal, USA und Großbritannien. Pharmazeuten gehören zu den vertrauenswürdigsten Gesundheitsberufen in der Bevölkerung, schreiben die Autoren. In den genannten Ländern haben Apotheker gesetzliche Rechte erhalten, nicht nur zu impfen, sondern auch Impfprogramme zu managen und sowohl Aufklärungs- als auch Werbekampagnen zu organisieren, um die Impfquoten zu erhöhen.

Mag. Sonja Guntschnig, Klinikapothekerin im Tauernklinikum

Italien startet mit Corona-Impfungen in Apotheken

Mit einer rascheren Durchimpfung argumentiert auch die italienische Regierung ihren neuesten Entschluss. Am 30.03.2021 wurde bekannt, dass Gesundheitsminister Roberto Speranza mit dem Pharmazeutenverband und den Regionen ein Abkommen unterzeichnet hat, wonach ab Ende April in Apotheken gegen Corona geimpft werden darf. Allerdings nur Personen, die keine gesundheitlichen Probleme haben.

Die flächendeckende Impfkampagne sei der Schlüssel, um dieser schwierigen Zeit ein Ende zu setzen, wird Speranza in der APA zitiert: „Mit den Impfungen in den Apotheken unternehmen wir einen weiteren wichtigen Schritt, um die Kampagne zu beschleunigen.“ Nach BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca soll bald ein weiterer Impfstoff in die EU-Länder kommen: Laut Medienberichten beginnt der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson ab Mitte April mit seinen Lieferungen. Italien (60 Millionen Einwohner) erwartet im zweiten Quartal mehr als 50 Millionen Dosen.

Pharmazeuten statt pensionierte Ärzte

Eine „sehr rasche hohe Durchimpfungsrate“ durch qualifizierte Pharmazeuten zu erreichen, ist für den Ärztlichen Direktor des Tauernklinikums, Univ.-Prof. Dr. Rudolph Pointner, ebenfalls das wichtigste Argument: „Unsere Ärzte sind alle am Anschlag – man versucht sogar, Ärzte aus der Pension zurückzuholen, obwohl wir Kräfte hätten, die schon eine hohe Grundausbildung und ein hohes Grundwissen haben.“ Die Zusatzqualifikation zu erreichen, könne da nicht das Thema sein.

Dass es nur beim Arzt „die größtmögliche Sicherheit bei der Impfung“ gebe, wie Dr. Edgar Wutscher, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin (BSAM) der Österreichischen Ärztekammer, in einer Aussendung am 24.03.2021 erklärte, kann Pointner nicht nachvollziehen. Auch nicht, dass Wutscher von „Fahrlässigkeit“ und einem „hohen Risiko“ für die Bevölkerung spricht, wenn „Apotheker oder Hotelangestellte mit Schnellsiedekursen“ zum Impfen befähigt werden.

Adrenalin-Autoinjektor in jeder Apotheke

„Warum geht das in anderen Ländern, warum ist dort eine Fahrlässigkeit nicht gegeben?“, überlegt Pointner. Wie viel qualifizierte Ausbildung notwendig sei, darauf will er sich zwar nicht festlegen, hier könne man sich jedoch international sehr gut abstimmen. Natürlich brauche es gesetzliche Änderungen, aber warum sollte man das nicht andenken? „Wenn man zurückschaut, hat es vor allen Änderungen eine Skepsis gegeben“, erinnert Pointner an das Hausarztwesen vor 50, 60 Jahren, „da sollte man sich nicht von vornherein beschränken und sagen: Das ist völlig unmöglich.“ In Apotheken werde auch Blutdruck und Blutzucker gemessen, obwohl es davor auch eine seitens der Ärzte gegeben habe.

Auch Guntschnig lässt das von Ärzten immer wieder ins Treffen geführte Argument, es könnte ja zu medizinischen Notfällen wie einem anaphylaktischen Schock kommen, nicht gelten: „In jeder Apotheke ist ein EpiPen® lagernd. Pharmazeuten gehören auch zu medizinisch geschultem Personal und in einer öffentlichen Apotheke gibt es Notfallmedikamente.“ Bei Bedarf werde auch in Hausarztpraxen – nicht jeder ist Notarzt – die Rettung gerufen und die Nachbeobachtungszeit müsse natürlich auch in den öffentlichen Apotheken eingehalten werden.

Novelle nötig: Der Impfende trägt die Verantwortung

Aber was ist mit Vorerkrankungen, Diagnosen und/oder Kontraindikationen, Arzneimittelinteraktionen? Letztere könne der Pharmazeut als Arzneimittelspezialist auch beantworten. Da aber derzeit die Verantwortung bei den Ärzten liegt, müsse das Gesetz so geändert werden, „dass der Pharmazeut die Verantwortung übernehmen darf“, betont Guntschnig, „der Impfende muss die Verantwortung tragen“.

Im Normalfall wisse der Patient ohnehin Bescheid, jedoch müsste man bei Unsicherheiten bezüglich bestehender Erkrankungen und Diagnosen – diagnostizieren muss der Arzt – nachfragen können. Aber das ist laut Guntschnig jetzt auch schon wünschenswert, dass man mit Ärzten zusammenarbeitet und in Kontakt ist.

Patienten mit Impfservice sehr zufrieden

Zurück zum zuvor zitierten Review, das Potenzial sei enorm: Eine weltweite Umfrage von 45 Mitgliedsorganisationen der International Pharmaceutical Federation (FIP) zeigte, dass in den befragten Ländern mit rund 940 Mio. Einwohnern in mehr als 193.000 öffentlichen Apotheken 655 Mio. Menschen geimpft werden könnten.

Impfende Apotheker kommen laut der Studie auch bei den Patienten gut an: Diese berichten, dass sie mit dem Impfservice in der Apotheke sehr zufrieden seien. „Es vereinfacht für die Kunden das Procedere enorm“, sagt Guntschnig, „wenn der Kunde bzw. Patient seine Medikamente abholt und der Apotheker ihn aufmerksam macht und dann auch gleich die Impfung direkt vor Ort erledigen kann.“ Besonders ältere Leute würden sich Wege ersparen und man könnte die Impfquoten z.B. bei der für sie wichtigen Pneumokokken-Impfung erhöhen.

In Österreich politisch derzeit kein Thema

„Unsere Pharmazeuten bieten eine ausführliche und kompetente persönliche Impfberatung an, betreuen die Bevölkerung bei Impfaktionen und helfen mit ihrem umfassenden Apothekennetz bei der Verteilung der Impfstoffe an die niedergelassenen Ärzte“, bekräftigt Mag. Dr. Gerhard Kobinger, 2. Obmannstellvertreter der Österreichischen Apothekerkammer, auf Nachfrage. Für das Impfen in Apotheken durch Pharmazeuten gebe es in Österreich keine gesetzliche Grundlage – zudem sei eine rechtliche Anpassung „trotz wiederholter Nachfragen“ derzeit kein Thema bei der Politik.

Im Ausland sei die Situation teilweise anders. So ist es laut Kobinger bereits in etwa 35 Ländern der Welt, darunter 13 europäischen wie der Schweiz, Irland oder Frankreich üblich, dass Apothekerinnen und Apotheker Impfungen wie FSME oder Grippeimpfungen durchführen: In diesen Ländern hat sich gezeigt, dass die Durchimpfungsraten steigen, wenn Apothekerinnen und Apotheker beim Impfen eingebunden werden.“

Höhere Impfquote: „Impfen in der Apotheke der effektivste Weg“

Die Impfrate sei dadurch viel höher als in Österreich. „Impfen in der Apotheke ist daher der effektivste Weg, die Durchimpfungsrate zu erhöhen. In Frankreich, Großbritannien, Irland und Italien werden bzw. sollen bald (siehe oben) auch Apothekerinnen und Apotheker Corona-Schutzimpfungen durchführen, um diese Pandemie zu bewältigen. Einen ähnlichen Vorstoß gibt es in Österreich aktuell nicht“, bedauert Kobinger.

Was die Corona-Schutzimpfungen betrifft, hat Guntschnig noch ein triftiges Argument zugunsten impfender Apotheker: „mRNA-Impfstoffe sind transportsensibel und sollten so wenig wie möglich bewegt werden.“ Nach dem Auftauen ist beispielsweise Cormirnaty® nur fünf Tage im Kühlschrank haltbar, nach dem Verdünnen sechs Stunden. Wichtig seien folgende Fragen: Wie ist der Weitertransport des Impfstoffes geregelt, nachdem er in der öffentlichen Apotheke zur Verteilung an die Praktiker angekommen ist? Wer wird darauf geschult, wie erschütterungsempfindlich der Wirkstoff ist und wie die sachgemäße Einhaltung der Kühlkette zu erfolgen hat? Wie wird das derzeit dokumentiert?

Aufziehen schon seit Jänner kein Problem

Derzeit würden die Apotheken quasi als Zwischenlager dienen, berichtet Guntschnig. Am Anfang seien die Vials vom Großhandel direkt ins Altersheim oder ins Krankenhaus gekommen, „jetzt bekommt der Hausarzt teilweise nur ein bis drei Vials die Woche – und es muss trotzdem alles hergerichtet und aufgebaut werden“. Teilweise ziehen die Apotheker vor Ort für die Praktiker die Impfstoffe auf und helfen mit der Dokumentation. Sie selbst zieht seit Jänner COVID-19-Impfungen auf. Das korrekte Aufziehen sei also auch kein Argument für die Ärzte – im Gegenteil, in Impfstraßen habe sie die Sanitäter eingeschult.

Infrastruktur in der Apotheke vorhanden

Den Status quo beschreibt sie so: „Ich als Pharmazeutin bin angehalten, zu den Hausärzten zu kommen und ihnen beim Verimpfen zu helfen.“ In der Apotheke hingegen wäre die gesamte Infrastruktur gegeben, führt Guntschnig ins Treffen: Das Kühlsystem ist vor Ort, der Impfstoff muss nicht mehr weiter befördert werden und die Apotheke hat Personal zur Dokumentation, auch einen Beratungsraum, wo man impfen könnte, sowie einen Platz zur Nachbeobachtung.

Dass jetzt laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober so eine Änderung in einer Krise nicht möglich sei, glaube Guntschnig nicht: So sei etwa das Rote Kreuz für die Schnelltest-Screenings samt Abstrich innerhalb kurzer Zeit geschult worden, Nasen-Rachen-Abstriche zu machen. Auch sie habe sich schulen lassen. Pessimistischer sieht das Klinik-Chef Pointner, nicht wegen der Schulungen, sondern der notwendigen gesetzlichen Änderungen, die wahrscheinlich erst nach der Corona-Pandemie kommen.

Tauernklinikum: Hausinterne Impfstraße für Schwerkranke

Tatsächlich bräuchte sich bei den Impfaktionen selbst nicht viel ändern: „Nach den Impfungen für hauseigene Mitarbeiter haben wir jetzt eine hausinterne Impfstraße für Schwerkranke aus dem gesamten Pinzgau aufgebaut“, schildert Pointner, „wir haben dafür dankenswerterweise vom Land Salzburg Moderna-Impfstoff bekommen.“ Guntschnig nehme „als Apothekerin des Hauses“ den Impfstoff entgegen, so der Ärztliche Direktor, kümmere sich darum, dass er entsprechend gelagert werde und ziehe ihn auch auf. „Sie holt exakt das Maximum heraus, sodass kein einziges Tröpferl verloren geht. Der Arzt oder die Ärztin nimmt die aufgezogene Nadel und führt den Stich durch“, beschreibt Pointner das derzeitige Vorgehen.

„Es geht nur um den Stich“

Schulungen könnte sich Guntschnig über eine Online-Plattform vorstellen: „Im Prinzip muss der Pharmazeut darauf geschult werden, was zu tun ist, wenn wirklich etwas passiert.“ Jetzt gehe es nur um die Corona-Impfung, da müsse man die Kontraindikationen wissen, die aber der Apotheker ja sowieso kennt. Fazit: „Die Apotheker machen jetzt schon alles – es geht nur um das Verimpfen.“

Künftig hätten auch andere Impfungen wie FSME, Influenza etc. Potenzial für impfende Apotheker: „Natürlich müsste es, so wie in anderen Ländern, eine Einschulung auf den gesamten Impfplan geben.“ Bei der Corona-Impfung könnten sich die Pharmazeuten beweisen und zeigen, dass sie das können. Wenn das gut laufe, könnte man sukzessive erweitern auf Impfungen, die jetzt der Hausarzt macht. Impfstoffe, die komplexer sind, wie gegen Gelbfieber, machten ohnehin nur autorisierte Impfstellen.

„In der Krise zusammenarbeiten“

Auch der elektronische Impfpass sei kein Problem: „Die öffentlichen Apotheken haben auch Zugriff auf ELGA – eine Dokumentation wäre so bestimmt implementierbar.“ Sie wünscht sich daher ein Umdenken und Zusammenarbeiten – gerade in einer Krise.

„Damit Apothekerinnen und Apotheker auch impfen dürfen, braucht es neben einem Fortbildungsangebot unsererseits die rechtliche Voraussetzung, die der Gesetzgeber schaffen muss“, fasst Kobinger zusammen und ergänzt: „Klar ist aber: Wenn man uns braucht, um möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen, dann werden wir helfen und unseren Beitrag zur Überwindung dieser Krise leisten.“

Dem schließt sich Pointner an: „Mir liegt am Herzen, dass wir einfach darüber offen nachdenken können – gemeinsam.“

*A. Poudel, E. T. L. Lau, M. Deldot et al., Pharmacist role in vaccination: Evidence and challenges, Vaccine, Volume 37, Issue 40, 2019, Pages 5939-5945, https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2019.08.060

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