Home / Politik / Immer mehr Immunthrombozytopenien nach Vektorimpfstoffen

Immer mehr Immunthrombozytopenien nach Vektorimpfstoffen

Arzt in persönlichem Schutzanzug oder PSA injiziert Impfstoff, um die Immunität einer Patientin mit dem Risiko einer Coronavirus-Infektion zu stimulieren. Coronavirus-, Covid-19- und Impfkonzept

Zu Tausenden sind Pädagogen, Psychologen und davor auch schon Pflegepersonal bei Impfaktionen gegen COVID-19 nicht erschienen. Vielfach werden sie als Impfverweigerer hingestellt, eine Ablehnung des Vektorimpfstoffes aus Sorge vor thromboembolischen Ereignissen sei wegen deren Seltenheit „nicht rational“. Doch nun kommen immer mehr Fälle von mutmaßlichen Vakzin-induzierten Thrombosen mit Immunthrombozytopenien (VITT) ans Tageslicht, bis zum 9. April waren es bereits acht. Diese Woche erlitt eine Frau unter 60 nach der Impfung eine Sinusvenenthrombose mit Thrombozytopenie in Tirol – bereits der zweite Fall dort (Udpate: keine Sinusvenenthrombose, jedoch Verdacht auf Vakzin-induzierte Thrombozytopenie). Auch die Meldedaten der Behörde BASG zu den Nebenwirkungen zeigen Ausreißer, vor allem bei Jüngeren. Die Redaktion fragte nach.

In Salzburg hatten sich schon damals, im Februar, niedergelassene Ärzte auf die Füße gestellt, weil sich viele nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff (kürzlich auf Vaxzevria umbenannt) impfen lassen wollten – dies dürfte aber eher noch der geringeren Wirksamkeit geschuldet gewesen sein. Das Land sagte daraufhin zu, dass sie bei Absage nicht aus der Priorisierung auf Basis der Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums (NIG) bzw. des Gesundheitsministeriums herausfallen. Weniger Verständnis brachte man für Pädagogen in Schulen und Kindergärten, Verwaltungspersonal, Hausmeister und Psychologen auf, als von 17.500 Geladenen „nur“ 7.492 (42 Prozent) kamen: Rund 10.000 dürfte der „AstraZeneca“-Wirbel“, so hieß es in den „Salzburger Nachrichten“ (12.04.2021), „abgeschreckt“ haben.

Steirische „Impftaktiker“ sollen auf die lange Bank

Ähnliche Berichte aus der Steiermark und Oberösterreich: Tausende Abmeldungen. Vergangene Woche nahmen 30 Prozent von 5.000 steirischen Lehrern den Impftermin nicht wahr. Am 14.04.2021 wurde bekannt, dass die Steiermark „Impftaktiker“ (O-Ton Mag. Michael Koren, steirischer Impfkoordinator) bei zweimaliger Absage ganz nach hinten reihen würde. Das ist insofern bemerkenswert, als sich vor einigen Wochen auch 1.800 Menschen aus dem Gesundheitsbereich geweigert haben sollen, das AstraZeneca-Angebot anzunehmen.

In Oberösterreich wiederum sind insgesamt bisher „nur“ 50 Prozent der Lehrer geimpft. Den „OÖNachrichten“ (14.04.2021) zufolge ließen sich auch „nur“ 60 Prozent der 11.000 Pflegekräfte impfen, viele würden sich noch immer „sträuben“, wird ein Betriebsrat zitiert. Als Grund werden auch „Falschmeldungen“ in den sozialen Medien genannt. Kommentatoren rufen zu „Mut zur Impfung“ auf. Aber ist die Sorge von (jüngeren) Frauen und auch Männern vor Hirnvenenthrombosen mit Blutplättchenmangel bzw. anderen spezifischen Thrombosen mit Immunthrombozytopenie berechtigt?

Erster Todesfall in Österreich weiterhin „auf Hochtouren“ untersucht

Der sogenannte „Wirbel“ begann, als Anfang März der Tod einer 49-jährigen Krankenschwester aus dem Waldviertel „in zeitlicher Nähe“ zu einer AstraZeneca-Impfung bekannt wurde, sie starb infolge schwerer Blutgerinnungsstörungen. Mehr als einen Monat später ist im aktuellsten „Bericht1 über Meldungen vermuteter Nebenwirkungen nach Impfungen zum Schutz vor COVID-19“ (Meldungen bis 02.04.2021, veröffentlicht am 07.04.) vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) nach wie vor Folgendes zu lesen: Die Abklärung, ob es einen kausalen Zusammenhang mit der Impfung gebe, sei noch im Gange. „Derzeit laufen alle notwendigen Untersuchungen unter Einbindung der jeweiligen Experten auf Hochtouren.“

Wenige Tage später wird der Fall mit zehn anderen Fällen aus Österreich und Deutschland publiziert2 – die Autoren schlagen VITT für das spezielle Krankheitsbild vor: Vaccine-induced immune thrombotic thrombocytopenia. Es ist jenes Krankheitsbild, das nicht nur Hirnvenenthrombosen umfasst, sondern alle Thrombosen mit Immunthrombozytopenie, es tauchte dafür ein neuer Begriff auf: „splanchnic vein thrombosis“, am ehesten übersetzbar mit Bauchvenenthrombosen (splanchnic = viszeral). Dazu kommen noch Thrombosen mit Thrombozytopenie anderer Lokalität wie z.B. in den Beinvenen.

EMA empfiehlt weiterimpfen, Dänemark hört auf

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA empfahl vergangene Woche die AstraZeneca-Impfung ohne Einschränkung. Trotz der Häufung von Thrombosefällen bei Frauen unter 55 Jahren, hieß es, handle es sich um einen hochwirksamen Impfstoff. Die Inzidenz alleine von Hirnvenenthrombosen im Sinne einer VITT gibt die EMA mit weniger als 1:100.000 an. Freilich ist hier keine Altersstruktur berücksichtigt, da in den europäischen Ländern unterschiedliche Impfpläne existieren und sich damit die nationalen Behörden befassen müssen.

Außerdem ist die Pandemie-Situation sehr unterschiedlich, wodurch sich Länder mit niedriger Inzidenz leichter tun, ihre Impfpläne anzupassen. Am 14.04.2021 wurde bekannt, dass Dänemark AstraZeneca überhaupt nicht mehr verimpft. Zuvor hatten zahlreiche Länder die Impfung ausgesetzt oder für Jüngere eingeschränkt, darunter auch Länder mit sehr hoher Inzidenz wie etwa Schweden (derzeit die höchste Inzidenz weltweit).

Österreich: Neun von zehn Meldungen von Jüngeren und sieben von zehn von Frauen

In Österreich verwendet das BASG ebenfalls die EMA-Inzidenz-Zahl von 1:100.000 für Hirnvenenthrombosen in ihren Berichten – ohne Aufschlüsselung nach Altersgruppen und vermuteten Nebenwirkungen im eigenen Lande. Ein genauer Blick in die Daten bis 2. April lässt jedoch Korrelationen zwischen Alter, Geschlecht, Impfstoff und schwerwiegenden Nebenwirkungen evident werden (siehe Kasten). Rechnet man nach, ergibt sich eine dreifach höhere Hospitalisierungsrate und Rate an lebensbedrohlichen Ereignissen nach AstraZeneca. 94 Prozent kommen aus der Altersgruppe der 18- bis 64-Jährigen, 70 Prozent von Frauen. Der Vektorimpfstoff weist eine zehnmal höhere Melderate auf als die mRNA-Impfstoffe.

Bereits nach den ersten 29.000 AstraZeneca-Impfungen kamen vier Menschen ins Spital (Geschlecht nicht genannt), im Verhältnis somit doppelt so viel als zu dem zum damaligen Zeitpunkt 15,5-mal öfter verimpften BioNTech/Pfizer-Impfstoff. Zwei Fälle wurden als lebensbedrohlich gemeldet, auch das war im Verhältnis zum wesentlich öfter verimpften BioNTech/Pfizer bereits damals dreimal so viel. 

43 von 63 Todesfällen geklärt

Beim Bericht bis 2.4. haben die Hospitalierungen nach AstraZeneca auch die Hospitalisierungen nach BioNTech/Pfizer in absoluten Zahlen überholt: 108 versus 105. Als lebensbedrohlich wurden 60 Fälle gemeldet, davon 26 nach AstraZeneca und 31 nach Impfung mit dem BioNTech/Pfizer-Vakzin, wobei von Letzterem jedoch dreimal so viel verimpft worden ist (397.998 von AstraZeneca vs. 1.200.857 BioNTech/Pfizer). 63 Todesfälle wurden gemeldet, davon 57 BioNTech/Pfizer, drei Moderna und drei AstraZeneca. Von den 63 Todesfällen sind noch 20 in Abklärung, ob es einen Zusammenhang mit der Impfung gibt: 15 BioNTech/Pfizer, zwei Moderna und drei AstraZeneca.

Im Bericht bis 2.4. wurden auch zwei mutmaßliche Sinusvenenthrombosen „in zeitlicher Nähe zu einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca“ gemeldet. Derzeit könne ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung derzeit nicht belegt, aber auch nicht sicher ausgeschlossen werden. Dies würde in etwa den Zahlen aus Deutschland entsprechen, die bis 8.4. dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet worden sind3: 46 Sinusvenenthrombosen, davon 24 mit Thrombozytopenie. Mit Ausnahme von sieben Fällen seien ausschließlich Frauen im Alter von 20–66 betroffen gewesen, allerdings wurden sie auch häufiger geimpft. Es gab bis zum 8.4. acht Todesfälle, davon fünf Frauen.

Deutschland: Mittlerweile 53 Sinusvenenthrombosen, davon 42 Frauen

Mittlerweile sind es bereits 53 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Vaxzevria, die das PEI zu untersuchen hat (Stand 13.04.2021): In 29 Fällen mit zusätzlicher Thrombozytopenie, zehn Todesfälle (sechs Frauen, vier Männer). Mit Ausnahme von elf Fällen waren es lauter Frauen im Alter von 20–66. Die Männer waren 20–70.

In Österreich soll es bereits mindestens acht VITT-Verdachtsfälle (nicht nur Sinusvenusthrombosen) geben, wie die Redaktion aus vertraulichen Quellen erfahren hat (die dann im neuen nach Redaktionsschluss veröffentlichten BASG-Bericht mit Meldungen bis 09.04.2021 auch bestätigt wurden, siehe Anmerkung unten). Was alle mutmaßlichen schweren Blutgerinnungsstörungen betrifft, wurde bereits vor zwei Wochen von knapp 20 Frauen unter 50 berichtet4, die vom BASG weder dementiert noch bestätigt worden sind. Eine Woche später sollen es bereits an die 30 Fälle von schweren Blutgerinnungsstörungen geben, alle unter 65.

Tirol: Zwei bestätigte Sinusvenenthrombosen

Aktuell sind alleine in Tirol zwei Fälle von Frauen mit Hirnvenenthrombosen und Thrombozytopenie bekannt: Am 13.04.2021 twitterte der Tiroler Allgemeinmediziner Dr. Alfred Doblinger, dass eine seiner Patientinnen nach AstraZeneca-Impfung (23.03.2021) soeben ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, u.a. mit Thrombozytopenie. Wenig später ist die Diagnose bestätigt: Sinusvenenthrombose. Wenig später hieß es, dass es sich bereits um die zweite mutmaßliche VITT handeln dürfte, die erste ebenfalls bei einer Frau (Update: Verdachtsfall einer Vakzin-induzierten Thrombozytopenie, keine Hirnvenenthrombose). Beide werden auf Nachfrage der Redaktion bestätigt, sie fallen in die Altersgruppe 50–60, die Patientin von Doblinger ist „zirka 50“.

Am 14.04.2021 hätte der nächste BASG-Bericht (Nebenwirkungs-Meldungen bis 09.04.2021) online gehen sollen. Auf Nachfrage der Redaktion bei der Behörde, ob die knapp 30 kolportierten Fälle von schweren Blutgerinnungsstörungen, insbesondere die acht VITT-Verdachtsfälle, korrekt sind, und wenn ja, ob sie künftig auch mit Angabe der Altersgruppen ausgewiesen werden, hieß es, man arbeite weiterhin auf Hochtouren, der Bericht sei noch in Arbeit, er werde demnächst veröffentlicht.

Bei der Frage, ob bei einem dreifach erhöhten Risiko nach AstraZeneca versus BioNTech/Pfizer für Hospitalisierungen und auch für lebensbedrohliche Erkrankungen die Nutzen-Risiko-Analyse für Menschen unter 65 noch vertretbar sei, und wenn ja, ob man hier nicht anders aufklären müsste, wurde auf das NIG verwiesen. Hintergrund der Frage: Laut den ICU-Daten des Sozialministeriums und den Mortalitätsdaten (AGES-Dashboard) haben jüngere Frauen im Vergleich zu Männern ein deutlich geringeres Risiko, bei einer Corona-Erkrankung auf die Intensivstation zu kommen oder daran zu sterben, als jüngere Männer: Verglichen mit einem, anhand der kolportierten 30 Fälle, berechneten Risiko von vermutlich etwa 1:10.000 für eine schwere Blutgerinnungsstörung nach einer AstraZeneca-Impfung mit einem vermutlich deutlich geringeren Risiko von etwa 1:40.000 für einen COVID-Todesfall pro Jahr bei jungen Frauen unter zirka 55 Jahren, ergeben sich hier einige offene Fragen zur bislang öffentlich kommunizierten Risikoabschätzung und auch insbesondere, warum in Österreich junge Frauen bzw. generell die jüngeren Bevölkerungsgruppen – so wie bereits in zahlreichen anderen Ländern empfohlen – nicht vorsichtshalber doch mit einem anderen Impfstoff geimpft werden sollten. 

Zurück zu den Lehrern: Tausende von ihnen bekamen in der Zwischenzeit wieder einen Einladungslink zu einer Impfaktion. Wie sie eine „rationale“ Entscheidung bis zur Veröffentlichung genauerer Daten treffen sollen, wissen sie nicht.

Anmerkung: Bis zu Redaktionsschluss kamen weder die Antworten von BASG noch NIG – sie werden so bald wie möglich nachgereicht.

Kurz nach Redaktionsschluss war auch der neue Bericht mit Meldungen bis 09.04.2021 online: https://www.basg.gv.at/fileadmin/redakteure/05_KonsumentInnen/Impfstoffe/Bericht_BASG_Nebenwirkungsmeldungen_27.12.2020-09.04.2021.pdf

Formular für Meldungen: https://www.basg.gv.at/marktbeobachtung/meldewesen/nebenwirkungen

1https://www.basg.gv.at/fileadmin/redakteure/05_KonsumentInnen/Impfstoffe/Bericht_BASG_Nebenwirkungsmeldungen_27.12.2020-02.04.2021.pdf, alle Berichte auf: https://www.basg.gv.at/ueber-uns/covid-19-impfungen

2 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2104840

3 https://www.pei.de/DE/service/presse/aktuelles/aktuelles-node.html (mit Link zum Sicherheitsbericht)

4 https://medonline.at/10072625/2021/virologe-warnt-vor-e484k-variante-astrazeneca-vorerst-kein-impfstopp-in-osterreich/

Zehnmal höhere Melderate nach Vektorimpfstoff versus mRNA-Impfstoff

Aus dem BASG-Bericht über Meldungen vermuteter Nebenwirkungen nach Impfungen zum Schutz vor COVID-19:

  • Von 18.063 Meldungen betrafen 12.716 Frauen und 5.291 Männer, 56 sind unbekannt (Faktor: 3,4; 70 Prozent Frauen).
  • Der weitaus größte Teil betraf Jüngere unter 65: 11.117 Meldungen (62 Prozent) kamen aus der Gruppe der 18- bis 44-Jährigen, 5.933 aus der Gruppe der 45- bis 64-Jährigen. Rechnet man die Altersgruppe von 18–64 zusammen, sind es 17.050 Meldungen (94 Prozent).
  • Impfungen laut e-Impfpass: 1.200.857 BioNTech/Pfizer mit 4.476 Meldungen (0,37 Prozent Melderate), 129.188 Moderna mit 519 Meldungen (0,40 Prozent) und 397.998 AstraZeneca mit 13.068 Meldungen (3,28 Prozent). Das ergibt eine etwa zehnfach höhere Melderate nach AstraZeneca.
  • Zum Vergleich: Bis 19.2. (die ersten 29.061 AstraZeneca-Impfdosen wurden verimpft, alle unter 65 Jahre) betrug die Melderate bei BioNTech/Pfizer 0,49 Prozent, bei Moderna 0,76 und bei AstraZeneca 6,01 Prozent (12-mal so viel wie bei BioNTech/Pfizer). Von 4.007 Meldungen betrafen 2.648 Frauen und 1.324 Männer, 35 unbekannt (Faktor: 2). Altersgruppe 18–44: 2.433 Meldungen (60 Prozent aller Meldungen) und Altersgruppe 45–64: 1.297 Meldungen (32 Prozent, zusammen 18–64: 3.730 Meldungen (93 Prozent).
LOGIN