Home / Politik / Debatte: Soll in Apotheken geimpft werden?

Debatte: Soll in Apotheken geimpft werden?

Arzt, der dem älteren Patienten in der Klinik eine Injektion macht

Während sich manche Ärztliche Direktoren unter bestimmten Voraussetzungen durchaus impfende Apotheker vorstellen können, geben sich oberste Standesvertreter der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) mehr als skeptisch. Zuletzt befeuerte ÖÄK-Vize Dr. Johannes Steinhart die Debatte, als er eine nach einer COVID-19-Schutzimpfung auftretende Anaphylaxie, die eine anwesende Ärztin minutenschnell in den Griff bekam, Impfungen in Apotheken ohne Anwesenheit von Ärzten als „lebensgefährlich“ bezeichnete. Wir fragten nach, wie der Vorfall in der Apothekerschaft bewertet wird und wie sichere Impfungen in Apotheken aussehen könnten.

Solch dramatische Situationen sind selten, aber es gibt sie: Am 7. Mai 2021 machte ein mit BioNTech/Pfizer gegen Corona geimpfter Mann in einer Impfbox in Wien-Floridsdorf auf sich aufmerksam, dass es ihm nicht gut gehe. Der Mittfünfziger habe nach einer Minute im Wartebereich „akut Krampfgefühle in der rechten Hand, im rechten Fuß und im Kniegelenk entwickelt, der Blutdruck schnellte auf 168/100 hoch“, schilderte die Ärztekammer für Wien am nächsten Tag in einer Aussendung.

Rasche Hilfe: „Keine zwei Minuten nach der Impfung“

Die anwesende Ärztin habe die allergische Reaktion erkannt, sofort einen Venenzugang gelegt und hochdosiertes Cortison sowie ein Antihistaminikum verabreicht. Für den Fall einer weiteren Verschlimmerung hatte sie einen EpiPen® in Bereitschaft, der aber nicht mehr benötigt wurde. Dies habe sich „keine zwei Minuten nach der Impfung“ ereignet, heißt es in der Aussendung, durch das rasche Einschreiten der Ärztin konnte der Patient stabilisiert werden.

Nach 20 Minuten ging es dem Mann besser, er wurde zur Beobachtung ins KH Nord eingeliefert, aus dem er bereits tags darauf wieder entlassen werden konnte. „Das schnelle, lehrbuchartige Vorgehen hat diesem Mann das Leben gerettet“, bedankt sich Ärztekammer-Vizepräsident Dr. Johannes Steinhart, bei „allen Kolleginnen und Kollegen, die in ihrer täglichen Arbeit zeigen, dass sich die Menschen in unserem Land auf ihre Ärztinnen und Ärzte verlassen können“.

Erneute Absage für Impfungen in Apotheken ohne Arzt

Erneut erteilt dann Steinhart der „immer wieder erhobenen Forderung“, auch in Apotheken ohne Anwesenheit ärztlichen Personals zu impfen, eine klare Absage: „Uns geht es als Ärzteschaft ausschließlich darum, dass Impfungen in Apotheken ohne Anwesenheit von Ärztinnen oder Ärzten lebensgefährlich sein können und daher strikt abzulehnen sind.“ Der gestrige Vorfall habe dies klar gezeigt und sei eine Bestätigung der Position der Ärztekammer, heißt es weiter in der Aussendung.

Steinhart, seines Zeichens auch Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer, betont abschließend, dass derartige Fälle äußerst selten vorkommen, aber eben nicht auszuschließen seien: „Wenn es aber passiert, wissen Ärztinnen und Ärzte, was zu tun ist. Sie sind dafür ausgebildet, um akut zu helfen, Apothekerinnen und Apotheker aber nicht.“

Tenor: Andere Länder zeigen es vor

Die Redaktion wollte wissen, ob dieser Vorfall tatsächlich als Bestätigung der Position der Ärztekammer taugt, und stellte folgende zwei Fragen an drei Standesvertreter. Die Antworten lesen Sie unten.

  1. Eignet sich dieser Vorfall tatsächlich als Bestätigung der Position der Ärztekammer?
  2. Was halten Sie von der Aussage, dass Impfungen in Apotheken ohne Anwesenheit von Ärzten „lebensgefährlich“ sein könnten und daher strikt abzulehnen seien bzw. wie könnten sichere Impfungen in Apotheken aussehen?

Dr. Stefan Deibl

Leiter der Fortbildungsabteilung, Österreichische Apothekerkammer, auch für die Impf-Fortbildung verantwortlich

Stefan Deibl

„Apothekerinnen und Apotheker zählen zu den am besten ausgebildeten ExpertInnen im österreichischen Gesundheitswesen und verfügen über jahrelange Erfahrung in der Impfberatung. Nach einer speziellen Impf-Fortbildung auf höchstem internationalen Niveau könnten sie auch Schutzimpfungen gegen COVID-19 oder Auffrischungsimpfungen wie zum Beispiel FSME oder Influenza schnell und sicher in den heimischen Apotheken durchführen. In vielen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder der Schweiz sind Impfungen in Apotheken bereits seit Jahren bewährte Praxis und ApothekerInnen sind dort auch erfolgreich in die aktuellen COVID-19-Impfaktionen eingebunden. Sie tragen dadurch maßgeblich zu einer höheren Durchimpfungsrate in der Bevölkerung und zu einer baldigen Beendigung der Pandemie bei. Im Rahmen der mehrtägigen Impf-Fortbildung wird das Thema von seltenen unerwünschten Reaktionen ausgiebig und umfassend im Theorieteil und im Praxisteil behandelt.

Apothekerinnen und Apotheker impfen in zahlreichen Ländern weltweit und zeigen somit seit Jahren, dass Impfungen in Apotheken mit entsprechender Fortbildung gut und sicher umsetzbar sind. In jenen Ländern, in denen ApothekerInnen Impfungen durchführen, sind keine nennenswerten „seltenen allergischen Zwischenfälle“ bekannt, die nicht schnell und fachkundig in den Apotheken versorgt werden konnten. Selbstverständlich umfasst die Fortbildung für Apothekerinnen und Apotheker auch alle Kenntnisse und Fertigkeiten, um akute Impfreaktionen kompetent und professionell zu versorgen. Im Rahmen der Fortbildung wird gezielt auf die beginnenden Anzeichen einer sehr selten auftretenden Anaphylaxie geschult, um somit durch die genaue Beobachtung des Patienten sofort reagieren und bis zum Eintreffen des Notarztes stabilisieren und versorgen zu können.“

Mag. Jürgen Rehak

Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes

„Zu behaupten, Impfungen könnten nur in Arztpraxen sicher durchgeführt werden, blendet die Realität internationaler Beispiele völlig aus. In mehreren europäischen Ländern wird bereits in Apotheken geimpft – etwa in der Schweiz, in Portugal, Irland, Dänemark oder Großbritannien. In Deutschland laufen bereits Modellprojekte für die Grippeimpfung. Und der Erfolg spricht für sich: Die Durchimpfungsraten gehen nach oben, Zwischenfälle, die vor Ort nicht versorgt werden konnten, sind nicht bekannt. 

Dass Apothekerinnen und Apotheker, die Impfungen durchführen sollen, eine entsprechende Ausbildung absolvieren müssen, versteht sich von selbst. Der Umgang mit einer akuten Impfreaktion ist bereits jetzt wesentlicher Bestandteil der Fortbildungen. 

Wir sollten in der gesundheitspolitischen Debatte daher mehr darauf fokussieren, wie wir Impfungen möglichst einfach zugänglich machen können und welche Impfungen in Apotheken angeboten werden können – z.B. gegen Grippe oder FSME. Welche Berufsgruppe ein Vorrecht auf die Durchführung von Impfungen hat, halte ich für eine entbehrliche Fragestellung, die dem Ziel unser Gesundheitssystem zu verbessern, letzten Endes entgegensteht.“ 

Mag. Susanne Ergott-Badawi

1. Vizepräsidentin des VAAÖ, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Apothekerkammer, Vizepräsidentin der Apothekerkammer Wien

Susanne Ergott-Badawi

„In der derzeitigen COVID-19-Krise ist es besonders wichtig, möglichst rasch eine möglichst hohe Durchimpfungsrate sicherzustellen. Davon hängt nicht nur der Schutz des Einzelnen ab, sondern auch, wie schnell wir in eine Normalität zurückkehren können. Dabei wird es auch darum gehen, Personen anzusprechen, die bis dahin noch keine Impfung in Anspruch genommen haben, sowie die notwendigen Auffrischungsimpfungen zu gewährleisten. Beispiele aus anderen Ländern haben gezeigt, dass wir genau das erreichen können, wenn – zusätzlich zu Impfstraßen, Arztpraxen etc. – die Impfungen auch von uns ApothekerInnen durchgeführt werden.

Wir ApothekerInnen zählen zu den am besten ausgebildeten GesundheitsexpertInnen im österreichischen Gesundheitswesen und verfügen über jahrelange Erfahrung in der Impfberatung, und dazu gehört auch die Impfempfehlung. Zudem bieten wir bereits ein standardisiertes Impf-Curriculum auf höchstem internationalen Niveau an und haben entsprechende Impfseminare zum praktischen Erlernen der Stechtechnik in die Wege geleitet. Im Rahmen dieser mehrtägigen Impf-Fortbildung wird das Thema von seltenen unerwünschten Reaktionen ausgiebig und umfassend in Theorie und Praxis behandelt. ApothekerInnen impfen in zahlreichen Ländern weltweit und zeigen somit seit Jahren, dass Impfungen durch ApothekerInnen gut und sicher umsetzbar sind. In jenen Ländern, in denen ApothekerInnen Impfungen durchführen, sind keine nennenswerten „seltenen allergischen Zwischenfälle“ bekannt, die nicht rasch und fachkundig von den ApothekerInnen versorgt werden konnten. Selbstverständlich umfasst die von der Österreichischen Apothekerkammer angebotene Fortbildung auch alle Kenntnisse und Fertigkeiten, um akute Impfreaktionen kompetent und professionell zu versorgen. Dabei wird gezielt auf die beginnenden Anzeichen einer sehr selten auftretenden Anaphylaxie geschult, um sofort reagieren und bis zum Eintreffen des Notarztes stabilisieren und versorgen zu können.

In vielen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder der Schweiz sind Impfungen durch ApothekerInnen z.B. gegen FSME oder Influenza bereits seit Jahren bewährte Praxis. Überall dort konnte eine signifikante Steigerung der Durchimpfungsraten erzielt werden. Und die ApothekerInnen sind dort auch erfolgreich in die aktuellen COVID-19-Impfaktionen eingebunden.

Denn eines hat sich bereits bei den Corona-Tests in den Apotheken gezeigt: Die Menschen gehen viel lieber zu „ihren“ ApothekerInnen in die Apotheke als in anonyme Teststraßen. Vor allem für ältere Menschen ist es wichtig, in solchen Ausnahmesituationen sowohl ein vertrautes Gesicht als Ansprechpartner zu haben, als auch einen niederschwelligen Zugang zur Impfung. Und auch Berufstätige wollen alles so zeitschonend wie möglich hinter sich bringen. Das ist bei Impfungen nicht anders.

Wir ApothekerInnen stehen jedenfalls bestens ausgebildet bereit, um maßgeblich zu einer höheren Durchimpfungsrate in der Bevölkerung und damit zu einer baldigen Beendigung der Pandemie beizutragen.“

LOGIN