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Studie soll zeigen, wie viele Diabetiker es in Österreich gibt

Eine besorgte ältere Frau hält ein Glaukometer, während sie mit einer Ärztin über ihre Diabetes-Diagnose spricht.

700.000 Diabetiker in Österreich? Könnte stimmen oder auch nicht – das weiß keiner so genau. Daher initiiert die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) mit Unterstützung der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) eine Studie mit 2.500 Personen – Hausärzte werden noch gesucht. Die Studie will neben der Prävalenz auch der Versorgung von (Prä-)Diabetikern auf den Zahn fühlen – selbst da weiß niemand, wie diese aussieht. Alarmierend: Das im Vorjahr initiierte Covid-Diabetes-Register zeigt eine hohe Mortalität von hospitalisierten Zuckerkranken, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben.

Vor mehr als einem Jahr hat die ÖDG ein Register zu Corona-Patienten mit Diabetes ins Leben gerufen, es gibt auch schon einige Daten – dazu später. Aber sonst, abseits von COVID, könne man nur auf Schätzungen zurückgreifen, bedauert ÖDG-Präsidentin Univ.-Prof. Dr. Susanne Kaser auf einer Pressekonferenz am 10.06.2021. Die stv. Direktorin der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck bringt zwei Beispiele, warum ein seit Jahren gefordertes Diabetes-Register „extrem notwendig“ wäre, auch gesundheitspolitisch.

Diabetes wird oft erst spät diagnostiziert

Denn internationale Daten zeigten, dass rund ein Viertel der Diabetiker (28 Prozent) und Prädiabetiker (fast 25 Prozent) bereits Nervenschäden aufweisen. Aber wie viele Menschen sind das in Österreich? Das wisse man wegen der lückenhaften Datenlage nicht, geschätzte 700.000 Menschen könnten es sein. Das zweite Exempel: „Viele erfahren in der Notaufnahme von ihrem Diabetes“, weiß Kaser, da habe aber die Krankheit schon jahrelang Schäden angerichtet.

Ob 700.000 (u.a. Schätzung anhand von Zahlen der International Diabetes Federation IDF, siehe Factsheet) oder noch mehr, eines gilt als fix: Diabetes sei eine „Volkskrankheit“, betont ÖÄK-Präsident Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Oberarzt am Klinischen Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der Medizinischen Fakultät der Universität Wien/Zentrallabor des AKH der Stadt Wien, „fast jeder zehnte Österreicher“ habe sie, wenn man den Typ-1-Diabetes dazunehme. Auch schon bei Prädiabetes steige das Risiko für viele Erkrankungen (siehe Infografik), entscheidend sei daher eine frühe Diagnostik, um viel „Leid für die Gesellschaft zu verhindern“.

Studie „Austro PROFIT“ mit 90 niedergelassenen Hausärzten und zwei Kohorten

Als wichtigsten Ansprechpartner für die Früherkennung nennt Szekeres die Hausärzte: „Wir wissen, dass 95 Prozent der Patienten ihren Hausarzt maximal schätzen“ – ein „frustaner“ Wert für Spitalsärzte, meint der Ärzte-Chef schmunzelnd, der aber zeige, warum das Design der Studie auf den niedergelassenen Bereich zugeschnitten wurde.

Es reiche nicht, zu sagen, man müsse etwas tun, sondern es selbst in die Hand nehmen, erinnert Univ.-Prof. Dr. Harald Sourij, stv. Abteilungsleiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Universität Graz und Erster Sekretär der ÖDG, an die österreichische Diabetes-Strategie von 2017. Aus dem damals geplanten Diabetes-Register sei nichts geworden, bedauert auch er, weshalb die Fachgesellschaft nun gemeinsam mit der Ärztekammer die „Austro PROFIT Studie“ initiiert. Die Studie mit 90 Ärzten – zehn aus jedem Bundesland – und 2.500 Patienten hat zwei Kohorten mit zwei Zielen.

1) Versorgungs-Kohorte: Das erste Ziel besteht darin, die medizinische Regelversorgung und die Komorbiditäten von Menschen mit Typ-2-Diabetes innerhalb der Primärversorgung in Österreich zu beschreiben. Dafür erfassen die Ärztinnen die Daten von 1.250 Personen mit der Diagnose Diabetes mellitus Typ 2, um den Standard der Versorgung und die Komorbiditäten zu erfassen.

2) Prävalenz-Kohorte: Das zweite Ziel der Studie ist die Schätzung der Prävalenz von Prädiabetes und nicht diagnostiziertem Typ-2-Diabetes in Österreich. Hier werden die Daten von 1.250 Personen über 50 Jahren erfasst, die zu ihnen zu Vorsorgeuntersuchung kommen.

Zusätzlich soll in einer Untergruppe eine Biomarker-Studie durchgeführt werden, in der die Ärzte mit Vor-Ort-Diagnose-Geräten NT-proBNP-Spiegel messen, um auch das Herzschwächerisiko zu erfassen.

Die Versorgungs-Kohorte sei wegen der notwendigen Ressourcenplanung wichtig, z.B. wie viele Fußambulanzen es in Österreich brauche, veranschaulicht Sourij, der mit Kaser die Studie leitet: „Ziel ist es, sowohl die Bewertung der Prävalenz von Prädiabetes und Diabetes als auch des Versorgungsstandards bei Menschen mit etabliertem Typ-2-Diabetes in der Primärversorgung in Österreich sichtbar und quantifizierbar zu machen.“ Die Laufzeit betrage rund sechs Monate.

Bei Interesse an Studienteilnahme bitte melden

In sechs Bundesländern habe man bereits Ärzte rekrutiert, in drei gebe es auch schon die notwendigen Bewilligungen der Ethikkommissionen. Wer Interesse hat, an der Studie teilzunehmen, kann sich direkt im Studienzentrum der Med Uni Graz melden, informiert Sourij auf Nachfrage der Redaktion. Auch ein Mail an office@oedg.at reiche, ergänzt Kaser.

Die ÖDG nutzt den Start der Studie auch, um drei ihrer langjährigen Forderungen an die Politik zu erneuern:

1) Aufnahme des HbA1c-Wertes in die Vorsorgeuntersuchung als eine praktikable Möglichkeit, frühzeitig Prädiabetes zu erkennen,

2) Aufbau eines bundesweiten Datennetzwerkes, in dem alle Diabetes-relevanten Daten österreichweit erfasst und auch langfristig die Verläufe berichtet werden, und

3) eine gesundheitspolitische Ressourcenplanung, die auf Basis dieser Daten erfolgt.

Insbesondere die Aufnahme des HbA1c-Werts in die Vorsorgeuntersuchung wäre „ein wichtiges und einfach umzusetzendes Screening-Tool“, hebt Kaser hervor: „Denn wir wissen, dass bei einer guten therapeutischen Begleitung des Prädiabetes die Entstehung eines manifesten Diabetes verzögert beziehungsweise verhindert werden kann.“

Mit Diabetes + COVID-19 im Spital: Rund 20 Prozent Mortalität

Auf Nachfrage von Journalisten gab Sourij auch erste Daten des Covid-Diabetes-Registers bekannt, wonach es bei hospitalisierten Diabetikern, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, mit „knapp 25 Prozent eine hohe Mortalität“ gegeben hat. Insgesamt dürfte sich eine Mortalität von 18–20 Prozent bei hospitalisierten infizierten Diabetikern abzeichnen. Risikofaktoren waren v.a. Alter, eingeschränkte Nierenfunktion und atherosklerotische Veränderungen.

Szekeres appelliert in diesem Zusammenhang, sich impfen zu lassen. Stecken sich Diabetiker mit SARS-CoV-2 an, müsse alles versucht werden, um einen schweren Verlauf zu verhindern – etwa mit antiviralen Therapien (z.B. Remdesivir i.v. wie an bestimmten deutschen Zentren). An der MedUni Wien werde derzeit ein antivirales Medikament entwickelt, die Zulassung wolle man im Herbst beantragen.

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