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Spritzenangst bei der COVID-19-Impfung

Eine Hand haltend, um die Annäherung einer COVID-19-Impfspritze zu verhindern, steht eine Anti-Vaxxer-Person im Hintergrund

Angesichts millionenfachen Durchimpfens ist die Phobie vor Spritzen und Nadeln derzeit nicht zu übersehen. Was steckt dahinter und wie wird mit dem Problem umgegangen?

Es ist das schambesetzteste Motiv, warum Menschen eine COVID-19-Impfung kritisch sehen oder ablehnen: die Angst vor dem Piekser selbst, Spritzen- bzw. Nadelangst genannt. Wer gibt schon gerne zu, sich vor etwas zu fürchten, das für die meisten kein Problem ist? Und riskiert damit, im Bekanntenkreis auf pures Unverständnis zu stoßen, sich Meldungen wie „Stell dich nicht so an!“ anhören zu müssen oder zumindest als Mimose zu gelten.

„Die Betroffenen erkennen ja selbst, dass die Angst übertrieben oder unbegründet ist, sie können sich dadurch aber nicht beruhigen“, sagt der Linzer Angstexperte, Psychologe und Verhaltenstherapeut Hans Morschitzky. Die krankheitswertige Furcht vor Blut und allen medizinischen Behandlungssituationen, die buchstäblich „unter die Haut gehen“, wird als Blut-Spritzen-Verletzungsphobie bezeichnet. Morschitzky spricht von drei bis fünf Prozent Betroffenen über die gesamte Lebensspanne. Schlimmstenfalls führt die Angst zu einem ausgeprägten und gesundheitsschädigenden Vermeidungsverhalten. Der harte Kern macht daher auch einen großen Bogen um die COVID-19-Impfung. Jene, die es zum Termin schaffen, bedeuten eine besondere Herausforderung für das Impfpersonal.

Das Handicap ist mitnichten ein reines COVID-19-Thema, fällt derzeit aber besonders ins Gewicht. Und nachdem es gerade unter jungen Menschen gehäuft auftritt, ja, jeden Fünften betrifft, ist die Tendenz steigend, je jünger die Impflinge werden.  

Nicht umsonst nahm das deutsche Max-Planck-Institut für Psychiatrie die COVID-19-Impfung also zum Anlass, um ein verhaltenstherapeutisches Kurzprogramm anzubieten.

COVID-19-Impfalltag

„Das Problem ist tatsächlich weit verbreitet“, sagt Susanne Drapalik, Landeschefärztin des Samariterbund Wien. Dieser betreibt Österreichs größtes Impfzentrum im Austria Center Vienna (ACV). „Unser Impfpersonal schätzt, dass sich derzeit fünf bis zehn Prozent vor der Impfsituation fürchten.“ Macht bei einer Kapazität von 16.000 Impfungen täglich bis zu 160 Personen pro Tag. Es gehört daher fix zum Alltag des medizinischen Personals, zu verhindern, dass jemand ungeimpft wieder umdreht. „Ich habe das noch nie erlebt, aber es passiert natürlich. Wir halten ja niemanden auf“, so Drapalik. Gut zureden dauert allerdings: „Manche Menschen sind erst nach einem 20-minütigen Gespräch bereit für den Nadelstich.“

Wobei die Patienten das Handicap meist erst so spät wie möglich erwähnen. „Fast niemand äußert seine Angst vor dem Piekser im Zuge der ärztlichen Aufklärung. Das passiert viel eher unter vier Augen und unmittelbar vor dem Stich.“ Die Impfkoje ist zudem der vertraulichere Rahmen. „Die medizinische Aufklärung davor erfolgt ja Tisch an Tisch, und die Impflinge stehen nahe beieinander.“

Ursachensuche

Was steckt hinter der Angst? Erhöhte Schmerzempfindlichkeit ist es in der Regel nicht. Der Wiener Psychiater Georg Schönbeck holt etwas weiter aus: „Im Prinzip handelt es sich bei jeder Injektion um einen Übergriff des Arztes bei gleichzeitigem Kontrollverlust des Patienten. Immerhin wird die Haut durchstochen, da ist eine gewisse Furcht ein vitaler Schutzmechanismus. Normalerweise überwiegt aber die Einsicht, dass es um eine medizinisch notwendige Behandlung geht.“

Grob werden zwei Ursachen unterschieden: Bei den einen ist die Furcht vor der Ohnmacht zentral, bei den anderen jene vor Schmerzen. Kindheitserlebnisse können eine große Rolle spielen. „Wenn man etwa mit fünf Jahren nicht gestochen werden wollte und vom medizinischen Personal festgehalten wurde, löst dies unter Umständen ein Trauma aus, sagt Morschitzky. Die Erfahrung eines Kontrollverlusts durch einen schmerzhaften Stich, Wehrlosigkeits-Gefühle durch Festgehalten-werden sowie eine tatsächliche Ohnmachtserfahrung können prägend sein. Und es gibt ja Menschen, die aufgrund einer orthostatischen Dysregulation generell leichter kollabieren.

Je nach Typ ist unterschiedlich zu verfahren. Es geht beim Impfen also nicht nur darum, jene Ängstlichen zu identifizieren, die ihr Problem verschweigen. Auch den Grund des Bangens muss das Impfpersonal herausfinden.

Ohnmachtsangst

„Drei von vier Menschen mit Blut-Spritzen-Verletzungsangst sind beim Anblick von Blut, kleineren Verletzungen und medizinischen Behandlungssituationen tatsächlich schon mindestens einmal ohnmächtig geworden und haben daraufhin entsprechende Erwartungsängste entwickelt“, berichtet Angstexperte Morschitzky. Im Austria Center Vienna werden Personen mit Angst vor Bewusstlosigkeit zum Impfen in eigene Kojen mit Liegen gebracht, wo sie unter spezieller medizinischer Beobachtung sind. Typisch für Menschen mit Furcht vor Ohnmacht ist laut Morschitzky der biphasische Verlauf. Auf eine Herzrate von über 100 Schlägen pro Minute im Rahmen der Fluchtreaktion folgt abrupt eine „Schockstarre“ mit unter 40 Schlägen. Mit dem sinkenden Blutdruck nimmt die Spritzenphobie übrigens einen Sonderstatus unter den krankhaften Ängsten ein. Aus evolutionsbiologischer Sicht erklärt der Angstexperte das so: „Eine Ohnmacht erleichtert es, bedrohliche Situationen zu überstehen, wenn man ihnen durch Flucht nicht mehr entkommen kann.“

Schmerzangst

Geht es irrationalerweise um die Angst vor kaum tolerierbaren Schmerzen, spielt Entspannung eine große Rolle. „Wir erklären unseren Patienten, dass ein Stich in den angespannten Muskel tatsächlich unangenehmer ist“, sagt Drapalik. „Und manchmal wird dann eben zuerst eine Weile der Arm gelockert.“ Morschitzky gibt zu bedenken, dass es gerade ängstlichen Menschen schwerfalle, bewusst lockerzulassen. „Besser funktioniert es, wenn man die Impflinge auffordert, lang und langsam auszuatmen. Da entspannen sie sich automatisch.“

Je nach Konstitution stehen im ACV auch extrafeine Injektionsnadeln zur Verfügung. „Das Pflegepersonal, das bei uns impft, kann frei entscheiden, wann sie zum Einsatz kommen“, so Drapalik.

Standardmäßig passiert das bei den 12 -bis 16-Jährigen, die sich ab Donnerstag impfen lassen können. Auch die Vergabe von Familienterminen soll hier angstmindernd wirken. „Wobei Begleitpersonen bei uns in jedem Alter möglich sind.“

Schwierig wird es freilich, wenn die Betroffenen sich ihrer Angst nicht einmal selbst bewusst sind. Psychiater Schönbeck sagt: „Manche finden eine Pseudo-Erklärung dafür, sich nicht impfen zu lassen. Das geht bis zu Verschwörungstheorien.“

Kontraproduktive Bilder

Das Fernsehen illustriert Beiträge zur Corona-Impfung für gewöhnlich mit dem Einstich selbst. Das gefällt weder Drapalik noch Morschitzky. Der Angstexperte sagt: „Wohl ist es Teil der Verhaltenstherapie, die Klienten bei Ängsten mit ihrer Furcht zu konfrontieren, es muss aber schrittweise und in Begleitung passieren.“ Darüber hinaus berichtet Morschitzky von einem Paradigmenwechsel in der Therapie von Phobien. „Die Angst ganz loszuwerden, ist oft nicht möglich. Wer einmal in Ohnmacht gefallen ist, kann nicht davon ausgehen, dass es nie wieder passiert. Stattdessen geht es darum, mit der Angst umgehen zu lernen, für sich die Frage zu beantworten: Was unternehme ich, wenn sie kommt? Das Gefühl von Einfluss und Kontrolle wirkt erwiesenermaßen schmerzstillend.“

Alternativen

Immerhin bringt die Zukunft zunehmend Alternativen zur Nadel. Die aktuelle Grippeimpfung wurde unter 18-Jährigen zuletzt nasal verabreicht. Rudolf Schmitzberger, Kinderarzt und Impfexperte der Österreichischen Ärztekammer, führt die mit 20 Prozent hohe Durchimpfungsrate bei der aktuellen Influenza-Impfung auch darauf zurück und ist sicher: „Das wird auch im nächsten Jahr so bleiben!“ Er hofft, „dass es der Wissenschaft bald gelingt, eine nasale Kombinationsimpfung gegen COVID-19 und die Grippe herzustellen“. 

Im Falle von COVID-19 wollen die Sputnik V-Hersteller in Kürze ein nasales Vakzin für Kinder auf den Markt bringen. Allerdings hat die EMA selbst den intramuskulären Sputnik V-Impfstoff bislang nicht zugelassen.

Unterdessen wurde in den Niederlanden auf Basis des universitären Forschungsprojekts FAINT eine spezielle App entwickelt. FAINT steht für Facial Infrared Thermal Imaging zur Verhinderung von nadelinduzierter Ohnmacht. Die Rätsel-App, die für Patienten im Wartezimmer gedacht ist und keine Bilder von Nadeln enthält, soll anhand von Wärmebildern des Gesichts auf eine nahende Ohnmacht hinweisen.

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