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Corona-Schutzimpfung

Impf-Fortbildungen für Apotheker laufen: „Wir stehen bereit“

Arzt macht einen Injektionspatienten auf blauem Hintergrund. Coronavirus Schutz. Gesundheits- und Medizinkonzept

Wie exklusiv berichtet, gibt es in Österreich mindestens ein Flächenbundesland, in dem nicht nur Ärzte, sondern auch Krankenschwestern COVID-19-Impfungen verabreichen. In Wien impfen sogar drei Berufsgruppen: Ärzte, DGKP und Sanitäter. Möglich wurde das durch eine Novelle. Die Redaktion fragte nach, was jetzt eigentlich noch gegen impfende Apotheker spricht. Nichts – es hake nur an standespolitischen Überlegungen von Ärzte-Seite, so die überraschend offene Antwort der Apothekerkammer. Auch gesetzlich bräuchte es nur geringfügige Änderungen. Das Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass trotz 7,7 Millionen Impfungen mit den bisherigen Regelungen das Auslangen gefunden werden konnte. Wie es weitergehe, sei Gegenstand laufender Diskussionen.

In sechs Bundesländern setzen in öffentlichen Impfstellen/Impfstraßen für die Schutzimpfung gegen COVID-19 ausschließlich Ärztinnen und Ärzte den Stich, wie eine Umfrage der Redaktion ergab. Bleiben drei übrig: Das Amt der Tiroler Landesregierung antwortete zwar, dass „grundsätzlich“ auch diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) nach den Vorgaben des Bundes impfen könnten. Ob sie – oder Sanitäter im Rahmen der Notfallverordnung – es aber tun, wurde auch auf Nachfrage offengelassen. Präzisiert wurde lediglich, dass Sanitäter „derzeit ausschließlich für die Nachbeobachtung“ eingesetzt würden.

In Niederösterreich würden die Stiche „überwiegend“ durch DGKP gesetzt, Mediziner führen die Aufklärung und Aufsicht durch, hieß es aus dem Büro von LR Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ). Sanitäter setze man „nicht für den Stich direkt“ ein.

Wien: Arzt müsse impfende DGKP und Sanitäter „freigeben“

In Wien hingegen impfen alle drei Berufsgruppen, informiert uns das Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ): „Die COVID-19-Schutzimpfungen können sowohl von ÄrztInnen, DGKP als auch SanitäterInnen durchgeführt werden. Das vorher notwendige Gespräch zur individuellen Risikoabschätzung sowie die Feststellung der Impffähigkeit obliegt allein den ÄrztInnen.“

Damit also DGKP und Sanitäter impfen könnten, müsse eine solche Impfung von einem Arzt sozusagen „freigegeben“ werden. „ÄrztInnen und DGKP konnten bisher schon impfen. Durch eine Novellierung des Sanitätergesetzes im Dezember 2020 sind gem. §9 ebendieses Gesetzes auch SanitäterInnen befugt, die COVID-19-Schutzimpfung durchzuführen“, so die Auskunft auf Nachfrage. „Einen Unterschied in der Praxis wird man wohl an einem Stadt-Land-Gefälle festmachen können“, heißt es weiter.

Am Land werde hauptsächlich über den niedergelassenen Bereich geimpft und da erfolgen Risikoabschätzung und Impfung durch den niedergelassenen Arzt in Personalunion, „in städtischen Regionen mit größeren Impfzentren wird es wohl zu einer Kombination der Tätigkeiten kommen, alleine schon wegen der großen Menge an Menschen, die in solchen Impzentren jeden Tag geimpft werden müssen“.

Apothekerkammer: Theorie jetzt schon Teil des Pharmazie-Studiums

Doch lässt sich dann das Argument von manchen Ärztekammern, ohne Ärzte seien keine sicheren Impfungen möglich, noch halten, wenn auch schon jetzt DGKP und Sanitäter Impfungen durchführen? „Nein“, so die deutliche Antwort der Österreichischen Apothekerkammer: „Das theoretische Wissen über Impfungen ist bereits Teil des Studiums der Pharmazie und ist auch fixer Bestandteil der Ausbildung im Aspirantenjahr.“

Apotheker würden im Rahmen ihrer Aufgaben Impfstoffe abgeben und über alle Aspekte wie Wirkung, Nebenwirkungen, Indikation, Kontraindikation, Impfschema usw. sowie Fragen zu den aktuellen Impfempfehlungen in Österreich beraten. Ein zusätzliches Impfangebot durch Apothekerinnen werde von Ärzte-Seite aus standespolitischen Überlegungen „bekämpft“, so die Apothekerkammer, „das ist für große Teile der Bevölkerung nicht nachvollziehbar. Viele Menschen schätzen den niederschwelligen Zugang, den die öffentlichen Apotheken bieten“.

Und weiter: „ApothekerInnen zählen zu den am besten ausgebildeten ExpertInnen im österreichischen Gesundheitswesen und verfügen über jahrelange Erfahrung in der Impfberatung. Nach einer kompakten speziellen Impf-Fortbildung könnten sie bestimmte Impfungen schnell und sicher in den heimischen Apotheken durchführen.“

Anaphylaktischer Schock: Erstversorgung durch Apotheker, bis der Notarzt kommt

Selbstverständlich umfasse die Fortbildung für Apotheker auch alle Kenntnisse und Fertigkeiten, um akute Impfreaktionen kompetent und professionell zu versorgen. „Bei einem sehr seltenen anaphylaktischen Schock ist in der Regel zusätzlich zur Erstversorgung die Verständigung des Notarztes indiziert – und zwar auch wenn der anaphylaktische Schock in der Ordination eines Arztes auftritt. So besteht auch die von der Ärztekammer vorgegebene Notfallvorsorge in Ordinationen im Wesentlichen aus der Erstversorgung des Patienten bis zum Eintreffen des Notarztes“, verweist die Apothekerkammer auf die QS-VO der Ärztekammer, § 8, Notfallvorsorge in Ordinationen.

Impfungen in Apotheken könnten somit genauso sicher wie in ärztlichen Ordinationen durchgeführt werden, betont die Apothekerkammer: „Im Rahmen der mehrtägigen Impf-Fortbildung wird das Thema von seltenen unerwünschten Reaktionen ausgiebig und umfassend im Theorieteil und im Praxisteil behandelt. Apothekerinnen und Apotheker impfen in zahlreichen Ländern weltweit und zeigen somit seit Jahren, dass Impfungen in Apotheken mit entsprechender Fortbildung gut und sicher umsetzbar sind. In jenen Ländern, in denen ApothekerInnen Impfungen durchführen, sind keine nennenswerten seltenen allergischen Zwischenfälle‘ bekannt, die nicht schnell und fachkundig in den Apotheken versorgt werden konnten.“

Deutschland: Apotheker impfen im Herbst in Modellregionen gegen Grippe

In Deutschland dürfen – nach ersten Modellregionen – in Teilen Baden-Württembergs Apotheker im Herbst gegen Grippe impfen (Quelle: DocCheck). Auch das sei „jedenfalls eine Möglichkeit“ für Österreich, so die Apothekerkammer. „Die Impf-Fortbildungen für Apothekerinnen und Apotheker sind im Laufen, die Berufsgruppe steht bereit.“ Was die notwendigen Novellierungen betrifft, hat die Standesvertretung schon präzise Überlegungen angestellt (Details siehe Kasten 1).

Wir haben die obigen Fragen – inklusive Blick auf Deutschland – auch dem Sozial- und Gesundheitsministerium gestellt und eine ausführliche Antwort erhalten, warum und welche Berufsgruppen derzeit impfen dürfen (siehe Kasten 2).

Gesundheitsministerium: Derzeit kein Änderungsbedarf

Was den Herbst betrifft – auch in Anbetracht notwendiger Auffrischungsimpfungen und Grippeimpfungen – lässt das Ministerium wissen: „Bei den bisher durchgeführten 7,7 Millionen Coronavirus-Schutzimpfungen hat sich kein Hinweis darauf ergeben, dass mit den momentanen gesetzlichen Regelungen und zur Impfung berechtigten Personenkreisen nicht das Auslangen gefunden werden kann. Ob es hier bei der Umsetzung weiterer Impfungen einen Änderungsbedarf gibt, hängt auch davon ab, wie Impfungen langfristig und prinzipiell organisiert werden, und ist Gegenstand laufender Diskussionen.“

Impfende Apotheker: Welche gesetzlichen Änderungen es braucht

Aus Sicht der Österreichischen Apothekerkammer ist zur Umsetzung des Impfens durch Apothekerinnen und Apotheker auf Gesetzesebene lediglich die Verankerung dieser Tätigkeit im Apotheker-Berufsrecht notwendig. Es reicht aus, den § 5 des Apothekengesetzes, in dem die Tätigkeiten der Apothekerinnen und Apotheker aufgezählt werden, um einen Halbsatz etwa folgenden Umfanges zu ergänzen:

„[…] Den Apothekern als pharmazeutischen Fachkräften vorbehaltene Tätigkeiten in Apotheken sind […] das Durchführen von Schutzimpfungen und die Anwendung der dafür erforderlichen Arzneimittel. Der Bundesminister für Gesundheit hat nähere Bestimmungen über die Durchführung von Schutzimpfungen durch Apotheker und die dafür erforderlichen Qualifikationen durch Verordnung zu regeln.“

Die enthaltene Verordnungsermächtigung sollte genutzt werden, um den Erwerb der auf die pharmazeutische Ausbildung aufbauenden Zusatzqualifikation des Impfens zu regeln. Aufgrund der strukturellen Gleichartigkeit schlägt die Österreichische Apothekerkammer vor, diese Ausbildung analog zur Weiterbildungsverordnung orale Substitution (der Ärzte und Ärztinnen) zu gestalten. Auch dort handelt es sich nämlich um eine durch Weiterbildung zu erwerbende Zusatzqualifikation, die die Berufsangehörigen zu einer bestimmten Tätigkeit (dort der Substitutionsbehandlung durch Ärzte und Ärztinnen) ermächtigt.

Diese Weiterbildung wird von den Ärztekammern organisiert. In Anlehnung daran bietet die Österreichische Apothekerkammer an, die Ausbildung für das Impfen durch Apothekerinnen und Apotheker bereitzustellen und abzuwickeln. Ein Entwurf für die dafür erforderliche Verordnung und ein entsprechendes Curriculum wurde nach umfassender Recherche und Vergleich mit ausländischen Best-Practice-Beispielen bereits erstellt.

Ansonsten sind aus Sicht der Österreichischen Apothekerkammer nur geringfügige Anpassungen in zwei Verordnungen notwendig, deren Zuständigkeit beim Ministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz liegt. Konkret sind das zwei Bestimmungen in der Apothekenbetriebsordnung 2005 hinsichtlich Dokumentation und räumlicher Erfordernisse und eine Bestimmung in der Pharmazeutischen Fachkräfteverordnung zur Angleichung an das Apothekengesetz.

Gleichzeitig sollten die Apotheken in der gegenwärtig im Gesetzgebungsverfahren befindlichen Novelle des Gesundheitstelematikgesetzes 2012 zur Einführung des E-Impfpasses mit einer Berechtigung zum Eintragen durchgeführter Impfungen anstatt eines bloßen Einsichtsrechts berücksichtigt werden.

Gesundheitsministerium: Wer und warum derzeit aller impfen darf

Zu den berufsrechtlichen Voraussetzungen in Zusammenhang mit Impfungen fasst das Sozial- und Gesundheitsministerium aus seinem Dokument zu den mobilen Impfteams auf Anfrage Folgendes zusammen:

Ärztliches Personal

Grundsätzlich dürfen alle selbstständig berufsberechtigten Ärztinnen und Ärzte Impfungen durchführen, sofern diese Tätigkeit von ihrem Tätigkeitsbereich umfasst ist. Während der Dauer der von der WHO ausgerufenen COVID-19-Pandemie ist die fachspezifische Beschränkung im Kontext epidemiologischer Situationen aufgehoben (vgl. die Novellierung des § 31 Abs. 3 Z 5 ÄrzteG 1998, BGBl. I Nr. 169/1998 in der Fassung des Bundesgesetzes BGBl. I Nr. 16/2020). Die Verabreichung von COVID-19-Impfungen kann daher von allen selbstständig berufsberechtigten Ärztinnen und Ärzten unabhängig von der jeweiligen Fachrichtung durchgeführt werden. Zu beachten ist, dass selbstverständlich das entsprechende Komplikationsmanagement und die entsprechende Notfallversorgung für die zu impfenden Personen gewährleistet sein müssen.

Die Regelung für das ärztliche Tätigwerden im Rahmen einer Pandemie gemäß § 36b ÄrzteG 1998 soll zudem helfen, das Poteztial an ärztlich qualifizierten Personen auszuschöpfen.

Durch diese Bestimmung wird es ermöglicht, pensionierte Ärztinnen und Ärzte, ausländische Ärztinnen und Ärzte sowie Turnusärztinnen und Turnusärzte, auch wenn nicht alle allgemeinen oder besonderen Erfordernisse für die Berufsausübung gegeben sind, heranzuziehen. Die erforderliche Qualitätssicherung erfolgt durch die Vorgabe der Zusammenarbeit mit zur selbstständigen Berufsausübung berechtigten Ärztinnen und Ärzten, stellt jedoch hinsichtlich Turnusärztinnen und Turnusärzte nicht darauf ab, dass die ärztliche Tätigkeit in einer Ausbildungsstätte durchgeführt werden muss.

Sofern keine fachlichen Gründe dagegen sprechen, sind auch vertrauenswürdige und gesundheitlich geeignete Studierende der Humanmedizin (auch außerhalb von Famulaturen) berechtigt (und auch befähigt) zu impfen, sofern sie in einem strukturierten Setting (vgl. z.B. Impfstraßen im Auftrag der Landessanitätsbehörde) unter Anleitung und Aufsicht von Ärztinnen und Ärzten tätig werden.

Weitere Gesundheitsberufe

Bei der Verabreichung von Impfungen handelt es sich um eine ärztliche Tätigkeit gemäß § 2 Abs. 2 ÄrzteG 1998, die der Ärztin oder dem Arzt gemäß § 3 Abs. 1 ÄrzteG 1998 vorbehalten ist.

Gemäß § 49 Abs. 3 ÄrzteG 1998 kann jedoch die Ärztin oder der Arzt im Einzelfall an Angehörige anderer Gesundheitsberufe oder in Ausbildung zu einem Gesundheitsberuf stehende Personen ärztliche Tätigkeiten übertragen, sofern diese vom Tätigkeitsbereich des entsprechenden Gesundheitsberufes umfasst sind. Sie oder er trägt die Verantwortung für die Anordnung. Die ärztliche Aufsicht entfällt, sofern die Regelungen der entsprechenden Gesundheitsberufe bei der Durchführung übertragener ärztlicher Tätigkeiten keine ärztliche Aufsicht vorsehen.

Nach den berufsrechtlichen Regelungen für den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege fällt die Verabreichung einer Impfung in den mitverantwortlichen Tätigkeitsbereich gemäß § 15 Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG), BGBl. I Nr. 108/1997, in der geltenden Fassung. Diplomierte Pflegepersonen dürfen somit nach schriftlicher ärztlicher Anordnung ohne ärztliche Aufsicht eine Impfung verabreichen. Die Ärztin oder der Arzt trägt dabei die Verantwortung für die Anordnung und die diplomierte Pflegeperson die Verantwortung für die Durchführung.

Eine Delegation der Aufklärungspflicht an nichtärztliches Personal kommt jedoch nicht in Betracht, da die Aufklärung als Teil der Heilbehandlung eine ureigene ärztliche Aufgabe ist.

Nach den berufsrechtlichen Bestimmungen des Sanitätergesetzes, BGBl. I Nr. 30/2002, sind Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter sowie Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter im Rahmen der Bekämpfung der Ausbreitung des Erregers SARS-CoV-2 (COVID-19) berechtigt, in strukturierten Einrichtungen Impfungen gegen den Erreger SARS-CoV-2 (COVID-19) an Erwachsenen unter zwei Voraussetzungen durchzuführen:

1. Vor der Aufnahme dieser Tätigkeit hat eine theoretische und praktische Schulung durch die verantwortliche Ärztin bzw. dem verantwortlichen Arzt der jeweiligen Einrichtung gemäß § 23 Abs. 1 zu erfolgen, der eine Bestätigung über das Vorliegen der erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten auszustellen hat.

2. Die Durchführung erfolgt auf ärztliche Anordnung und unter ärztlicher Aufsicht.

Die Vorbereitung der Impfung stellt einen Annex zur tatsächlichen Durchführung der Impfung dar, weshalb jede Person, die impfen darf, auch die entsprechenden Vorbereitungen treffen darf. Die Vorbereitungen (Herstellen/Aufbereiten/Mischen/Verdünnen des Impfstoffes etc.) können darüber hinaus auch durch pharmazeutisches Personal erfolgen.

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