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COVID-19

Apothekerkammer geht gegen impfskeptische Apotheker vor

Frau hält die textile hausgemachte Gesichtsmaske

Ein Apotheker an der Spitze der impfskeptischen Protestpartei MFG im Burgenland, am Rande einer Demonstration skandierende Apotheker in Oberösterreich – ja, dürfen’s denn das? Nein, zumindest das Skandieren ging der Österreichischen Apothekerkammer zu weit, der Fall wurde dem Disziplinarrat gemeldet. Jegliche Abweichung bei der Beratung der Kunden entgegen den Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums (NIG) stelle eine „Berufspflichtverletzung“ dar. Von weiteren Fällen sei aber derzeit nichts bekannt.

Der Standesvertretung gehe es aber auch um das „wissenschaftliche Ansehen“ der Apothekerschaft in der Bevölkerung, hieß es auf Anfrage unserer Redaktion. Was war geschehen? Auslöser für das rigorose Durchgreifen war ein in den sozialen Medien geteiltes Video einer Corona-Demo Anfang Dezember in Linz, wonach Apotheker bzw. Apothekenmitarbeiter vor ihrer Apotheke „Wir sind das Volk!“ im Gleichklang mit den Demonstranten skandierten und offenkundig die Proteste gegen Corona-Maßnahmen und Impfpflicht unterstützten. Der Mann (der sich als Inhaber der Apotheke herausstellte) ließ noch dazu seine Maske in der Hand baumeln, die Frau hatte gar keine Maske, ein weiterer trug sie als Kinnschutz.

Von Oberösterreich aus, wo die Protestpartei MFG (Menschen Freiheit Grundrechte) bei den Landtagswahlen am 26. September 2021 mehr als 50.000 Stimmen bekam und damit die Vier-Prozent-Hürde knackte, verbreitete sich die Kleinpartei auch in immer mehr andere Bundesländer. So auch ins Burgenland. Mehr noch: Landessprecher der dortigen MFG ist ein Apotheker aus Oberschützen, ihm zur Seite steht eine Berufsfotografin aus St. Margarethen mit früherer Mitgliedschaft im ÖVP-Wirtschaftsbund, berichtete der „Kurier“ (08.12.2021).

Apotheker als MFG-Landessprecher im Burgenland

Der Apotheker dürfte gemeinsam mit einem Salzburger Juristen, der „so etwas wie der Burgenland-Beauftragte seiner Partei“ sei, Pläne für die Gemeinderatswahlen im Herbst 2022 schmieden: Ein Antreten sei noch offen, aber „möglich“. Pikant: Der Salzburger Jurist nahm an einer Demonstration am 07.12.2021 in Oberwart teil. Die Fotografin zahle „eher Strafe“, als sich impfen zu lassen – sie vertraue auf ihr Immunsystem und würde im Falle des Falles auch auf ein Intensivbett verzichten.

ÖAK distanziere sich „auf das Schärfste“

Wir fragten nach, wie die Österreichische Apothekerkammer dazu stehe, wenn Mitglieder sich öffentlich gegen Impfungen positionieren und/oder Masken und andere Corona-Maßnahmen ablehnen. „Das Präsidium und die Direktion der Apothekerkammer distanzieren sich auf das Schärfste von den am 01. Dezember 2021 im Rahmen der Protestdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Linz bekanntgewordenen Bildern und Äußerungen eines Apothekenkonzessionärs und einer angestellten Apothekerin“, betonte die bundesweite Standesvertretung, „nach Bekanntwerden des Vorfalls haben wir den vorliegenden Fall daher unverzüglich dem Disziplinarrat zur Kenntnis gebracht“.

Auch Landeskammer erstattete Disziplinaranzeige

Schon zuvor hatte sich der Präsident der Landesgeschäftsstelle Oberösterreich, Mag. pharm. Thomas Veitschegger, zu dem Vorfall geäußert und das Video als „suboptimal“ bezeichnet, zumal die Standesvertreter der Apotheker vehement fürs Impfen eintreten würden. Sowohl die oberösterreichische Landeskammer als auch die Bundeskammer hätten Disziplinaranzeige gegen „die Linzer Apothekenbetreiber“ erstattet, wie die „Kronen Zeitung“ am 08.10.2021 berichtete.

Zurück zur Stellungnahme der bundesweiten Standesvertretung und den eingangs erwähnten Vorfällen. Die in den Medien getätigten Äußerungen stünden „absolut im Widerspruch zu unserer evidenzbasierten Ausbildung und der ausdrücklichen Befürwortung der COVID-19-Schutzimpfung“, stellt auch die Österreichische Apothekerkammer klar.

Aktuelle Empfehlungen des NIG als Grundlage für Beratung

Die aktuellen Empfehlungen des NIG seien „selbstverständlich auch als wissenschaftliche Grundlage für die Beratung und Information über COVID-19-Impfungen in öffentlichen Apotheken heranzuziehen. Aufgrund ihrer wissenschaftlichen Ausbildung und ihres öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrages tragen die Apothekerinnen und Apotheker eine besonders hohe Verantwortung im Zusammenhang mit der objektiven Aufklärung und Beratung der Patientinnen und Patienten über COVID-19-Impfstoffe“.

Ihrer besonderen Vertrauensfunktion könnten Apotheker nur dann gerecht werden, wenn in öffentlichen Apotheken ausnahmslos in Übereinstimmung mit den aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen über COVID-19-Impfstoffe beraten werde: „Davon abweichende Beratungen konterkarieren nicht nur die nationale Impfstrategie und damit die Bekämpfung der Corona-Pandemie, sondern beeinträchtigen auch das wissenschaftliche Ansehen der Apothekerschaft und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die öffentlichen Apotheken als seriöse Gesundheitseinrichtung massiv.“

„Verletzung des Ansehens der Apothekerschaft“

Aus Sicht der Apothekerkammer stelle die Beratung der Kunden entgegen den NIG-Empfehlungen eine „Berufspflichtverletzung“ und eine „Verletzung des Ansehens der Apothekerschaft“ im Sinne des § 39 Abs. 1 Apothekerkammergesetz dar. „Von weiteren Fällen ist uns derzeit nichts bekannt“, informierte die Kammer auf die Frage, ob die genannten Beispiele nur Einzelfälle seien oder ob es auch in anderen Bundesländern Probleme gebe.

Apotheker die „am besten ausgebildeten Arzneimittelspezialisten“

Wir fragten auch nach, was der Kammer am Herzen liegt, um die offenkundige Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und wieder gemeinsam die Pandemie zu bekämpfen – nicht zuletzt fühlen sich manche von der Politik falsch informiert, gerade was Impfungen betrifft. Hier verweist die Apothekerkammer auf Expertise und Sachlichkeit: „Apothekerinnen und Apotheker sind die am besten ausgebildeten Arzneimittelspezialisten. Ihre Domäne ist neben der fachlichen Expertise die Beratung. Im Zuge dieser Beratungstätigkeit informieren sie objektiv über das Impfen.“

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