Home / Politik / Drei Fachgesellschaften gründen „Österreichische Adipositas Allianz“ und fordern Therapie als Kassenleistung

Plattform gegen Stigmatisierung

Drei Fachgesellschaften gründen „Österreichische Adipositas Allianz“ und fordern Therapie als Kassenleistung

Dr. Thomas Czypionka, Mag.a Dr.in Ulrike Mursch-Edlmayr, OÄ Priv.-Doz.in Dr.in Johanna Brix, Mag.a Barbara Andersen, Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

Sie finden schwerer eine Lehrstelle, müssen mehr Therapiekosten aus eigener Tasche zahlen, werden oft als „faul“ oder „undiszipliniert“ hingestellt. Die Rede ist von Menschen mit Adipositas – eine behandelbare Erkrankung, die zu wenig ernst genommen wird. Die drei Fachgesellschaften ÖAG, ÖGKJ und ÖGAMC wollen die Stigmatisierung Betroffener beenden und gründen gemeinsam mit Patientenvertretern die „Österreichische Adipositas Allianz“. Unterstützt werden sie von der Österreichischen Ärztekammer, die die Sozialversicherung in die Pflicht nehmen möchte, und der Österreichischen Apothekerkammer, die für einen „Schulterschluss der Gesundheitsberufe“ eintritt.

Jede dritte Person über 15 Jahren leide in Österreich an Adipositas, also Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30, hieß es am 21.6.2022 bei der Präsentation der neuen Allianz. „Adipositas hat zahlreiche gesundheitliche Folgen, die sowohl viel Leid als auch enorme Kosten in Gesundheitswesen und Wirtschaft verursachen“, weiß Dr. Thomas Czypionka, Head of IHS Health Economics and Health Policy. Nehme man diese Erkrankung ernst, sei das für die Gesellschaft insgesamt „wertvoll“.

Schätzung: Adipositas reduziert BIP um 2,5 Prozent jährlich

Für Österreich sei man gerade dabei, die Effekte von Adipositas bzw. deren Prävention und nachhaltiger Therapie zu berechnen. Die letzten Prognosen der OECD für Europa zeigen jedenfalls, dass Adipositas zwischen 2020 und 2050 das österreichische BIP im Schnitt um 2,5 Prozent pro Jahr reduziere. Da sind Czypionka zufolge auch indirekte Kosten wie Krankenstände, vorzeitige Pensionierungen etc. dabei. Bezogen auf das BIP 2021 von 403 Mrd. Euro wären dies jährlich rund 10 Mrd. Euro.

Derzeit sei die Versorgung für Menschen mit Adipositas in Österreich „absolut unzureichend“, betont OÄ Priv.-Doz. Dr. Johanna Brix. Die Präsidentin der Österreichischen Adipositasgesellschaft (ÖAG) möchte das mit einer neuen Plattform verbessern: Gemeinsam mit zwei weiteren medizinischen Fachgesellschaften, der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas- und metabolische Chirurgie (ÖGAMC) sowie der Patientenvertreterin Mag. Barbara Andersen hat die ÖAG die „Österreichische Adipositas Allianz“ aus der Taufe gehoben.

Die vier Forderungen der Allianz

Die neue Plattform will sich für eine entsprechende Prävention und Therapie einsetzen, die medizinische Ausbildung der „realen Situation“ anpassen und die Stigmatisierung der Betroffenen beenden. Die Proponenten der Allianz fordern die Entscheidungsträger aus Gesundheitspolitik und Sozialversicherung auf, „umgehend zu handeln“ und stellen folgende Forderungen:

  • Anerkennung von Adipositas als ernstzunehmende und eigenständige Erkrankung seitens der Gesundheitspolitik sowie der Sozialversicherung: Denn trotz Zuweisung eines international anerkannten Klassifizierungscodes für Krankheiten (ICD-10-CM Code E66) würden die Entscheidungsträger Adipositas als individuelles „Lifestyle-Problem“ verkennen.

  • Ende der Diskriminierung und Stigmatisierung von Betroffenen: Betroffene würden bei der Vergabe von Jobs und Lehrstellen benachteiligt und Menschen mit Adipositas müssten geschätzte zwei Drittel der Therapiekosten privat zahlen.
  • Effektive Verhältnisprävention: Die westliche Welt habe ein „adipogenes“ Umfeld geschaffen. Der „gesunde Weg“ soll der einfachste werden, insbesondere gelte das für Kinder und Jugendliche.
  • Freier und einfacher Zugang für Menschen mit Adipositas zu einer individuell angepassten multifaktoriellen Adipositas-Therapie sowie ein Disease Management Programm (DMP) gemeinsam mit den Gesundheitskassen (ÖGK) und der Gesundheitspolitik: Denn derzeit sei keine Therapiesäule ausreichend verfügbar, weder Ernährungs- und Bewegungstherapie noch psychologische Betreuung, auch am Markt verfügbare, nachweislich wirksame Medikamente würden nicht erstattet.

Anlaufstellen Ärzte & Apotheker

Der wohnortnahe Kassenarzt sei in der Regel die erste Anlaufstelle, aber die Krankenkassen würden die Leistungen für Adipositas-Therapien nicht decken, führt Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), ins Treffen. Die meisten könnten sich aber keinen Privatarzt leisten, weswegen er für eine Erstattung der Medikamente und auch nicht-medikamentöser Therapien eintrete – u.a. auch für den Gesprächsaufwand: „Die österreichischen Ärztinnen und Ärzte betreuen als kompetente Partner Adipositas jeden Tag. Aber sie müssen die Betroffenen nach aktuellem medizinischen Wissensstand und gültigen Leitlinien behandeln können und zudem genug Zeit für dieses komplexe Krankheitsbild haben.“ Es brauche auch mehr Aus- und Fortbildung für Angehörige von Gesundheitsberufen.

Auch Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer (ÖAK), unterstützt die Allianz: „Für eine frühe Diagnose und professionelle Betreuung braucht es den Schulterschluss der Gesundheitsberufe.“ Es müsse möglichst viele Anlaufstellen geben, die bei Adipositas beratend zur Seite stehen. „Apotheken sind ein wohnortnaher, niederschwelliger Gesundheitsdienstleister mit täglich 400.000 Kontakten zu KundInnen und PatientInnen“, betont Mursch-Edlmayr, „wir wollen einen geschützten Raum anbieten, wo ohne Hemmschwelle Rat gesucht werden kann.“ Es gehe darum, den Anstieg an Neuerkrankungen zu bremsen, Folgeerkrankungen zu minimieren und gesunde, gewichtsoptimierende Maßnahmen anzubieten.

Rund 70 Prozent der Fälle: Genetik als Hauptfaktor

„Es gibt viele Ursachen für Adipositas“, erinnert Patientenvertreterin Andersen, „in rund 70 Prozent der Fälle ist Genetik der Hauptfaktor.“ Viele wüssten das nicht und würden Betroffenen Eigenschaften wie „faul“ oder „undiszipliniert“ zuschreiben, berichtet die Klinische und Gesundheitspsychologin, die als Delegierte der europäischen Organisation EASO-ECPO Menschen mit Adipositas in Österreich vertritt. Stigmatisierung passiere oft in der eigenen Familie oder im Freundeskreis. Die Folgen können gravierend sein: Rückzug, soziale Isolation, psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen. Die Österreichische Adipositas Allianz kämpfe daher für ein „neues gesellschaftliches Verständnis der Erkrankung und für Menschen mit Adipositas“. Nur so könnten die Betroffenen aus der „Ohnmacht“ entkommen, Handlungsspielraum für ihre Erkrankung gewinnen – und so schließlich „gleichbehandelt“ werden, unterstreicht Andersen abschließend.

LOGIN