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Made in Japan – eine Apotheke in Tokyo

Wie geht es eigentlich in japanischen Apotheken zu? Ein Porträt eines Betriebs in einem Tokyoter Außenbezirk liefert einen kleinen Einblick. Es gibt Ähnlichkeiten ebenso wie große Unterschiede.

„Lifestyle-Krankheiten sind auch hier ein großes Problem, gerade weil es sehr viele alte
Menschen gibt.“ Yoko Mikami (re)

Am nördlichen Stadtrand von Tokyo liegt Nerima, der 23. Bezirk der dicht besiedelten 9,6-Millionen-Metropole. In erster Linie handelt es sich um einen Wohnbezirk, der aber auch für seine vielen Zeichentrickstudios und einen großen Vergnügungspark für Kinder bekannt ist. Neben einem Kinderspital findet sich die Apotheke („Yakkyoku“) „Aimu Heiwadai“.
Es ist eine von zehn Apotheken im Besitz des Pharmazeuten Noritoshi Ishida. Insgesamt gibt es in Tokyo 6.561 sogenannte Verschreibungsapotheken, auf die durchschnittlich jeweils ca. 1.460 Einwohner kommen. Daneben gibt es Drugstores, die rezeptfreie Medikamente anbieten. OTC-Produkte oder Kosmetika spielen somit in Aimu Heiwadai kaum eine Rolle, der Fokus liegt auf verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Insgesamt hat die 50 Quadratmeter große Apotheke etwa 2.000 verschiedene Medikamente auf Lager.

Spezielle Teamarbeit

„Um 2003 herum hat man begonnen, das Verschreiben von Medikamenten von der Ausgabe zu trennen“, erzählt Pharmazeutin Yoko Mikami, eine von zwölf Akademikerinnen an Bord. Mikami ist wegen ihrer guten Englischkenntnisse verstärkt für Kunden aus dem Ausland zuständig. Die weltoffene Pharmazeutin spricht nicht zuletzt aufgrund ihres Hobbys so gut Englisch: In ihrer Freizeit bekocht sie als Mitglied einer Organisation regelmäßig Urlauber bei sich zu Hause. Englisch wird im Job immer wichtiger, erstens, weil generell mehr Touristen kommen, zweitens, weil die Tokyoter Apotheken angesichts der Special Olympics 2020 eine Fremdsprachenoffensive gestartet haben.
Wie in Österreich ist auch in Japan der überwiegende Teil der Angestellten in Apotheken weiblich und die Teilzeitquote extrem hoch. Bei Aimu Heiwadai sind gleich alle Mitarbeiter teilzeitbeschäftigt. „Es bilden jeweils drei bis vier Pharmazeuten mit ein bis zwei Rezeptionisten ein Team“, erzählt Mikami. Rezeptionisten arbeiten den Pharmazeuten zu. Ihr Job: Daten, Allergien und sonstige Medikamenteneinnahmen bei jedem neuen Kunden per Fragebogen zu erfassen. Das bindet zweifelsohne Kunden. Außerdem errechnen die Rezeptionisten die Verschreibungsgebühr, in Japan 30 Prozent des Arzneimittelwerts. Ausnahmen sind über 70-Jährige, die einkommensabhängig oft nur 20 oder zehn Prozent zahlen. Für Sozialleistungsempfänger sind verschreibungspflichtige Medikamente gratis, in Tokyo ebenso für Kinder unter 15 Jahren.

Apotheken-Chefin Yamaoto in der Mitte 

Stückzahl abgezählt

Was bei der Kalkulation noch zu berücksichtigen ist und Fremde einigermaßen überrascht: Es gehen keine ganzen Packungen über den Ladentisch. Die Ärzte verschreiben stattdessen eine genau festgelegte Anzahl an Tabletten, Tropfen et cetera. Ein bebildertes Begleitblatt sorgt dafür, dass sich die Kunden auskennen.
Nachdem sich die Apotheke neben einem Kinderspital befindet, betreffen acht von zehn Rezepten Minderjährige. Oft geht es um Heuschnupfen, der in Japan generell extrem weit verbreitet ist – und neben der reduzierten Ansteckungsgefahr bei grippalen Infekten einen weiteren Grund für das höchst beliebte Tragen von Gesichtsmasken darstellt.
Die Hauptzeit für Allergiker ist Ende Februar/Anfang März und wird durch die Pollen der Japanischen Zeder ausgelöst. Vor allem sie sind der Grund dafür, dass Olopatadinhydrochlorid nach der Heparinsalbe jenes Arzneimittel ist, das am häufigsten über den Verkaufstisch wandert. „Generell werden bei Allergien meist Antihistaminika verlangt, aber auch die Immuntherapie nimmt an Be­deutung zu“, erzählt Mikami. Allergien hin oder hier: Sich schnäuzen sieht man in Japan niemand, der öffentliche Gebrauch von Taschentüchern ist in Japan verpönt. Möglichst dezent aufziehen, lautet die Etikette. Andere Länder, andere Sitten eben.
Speziell bei der Behandlung Schwangerer und älterer Menschen kommt Kampo ins Spiel, „ein Mix aus Traditioneller Chinesischer Medizin, die im 6. Jahrhundert ins Land kam, und der Japanischen Kräutermedizin“, sagt Mikami. „Ich schätze Kampo sehr.“ „Es ist eine sanfte Medizin mit wenig Nebenwirkungen und gut geeignet für Schwangere und alte Menschen.“ „Daikenchutou“ gilt als meistgebrauchtes Mittel. Es wird postoperativ bei Ileus, aber auch gegen das Gefühl des Aufgeblähtseins eingesetzt und besteht aus Japanischem Pfeffer, Ginseng, Ingwer und Maltose.

Viele Pensionisten

Mit einer Lebenserwartung von 84 Jahren wird nach den Hongkong-Chinesen niemand älter als die Japaner. Und die allermeisten sind gertenschlank. Fragt sich, wie sich das auf den Medikamentengebrauch auswirkt. Die Antwort überrascht: „Lifestyle-Krankheiten sind auch hier ein großes Problem, gerade weil es sehr viele alte Menschen gibt“, sagt Mikami. Zumal sich aufgrund der sehr niedrigen Geburtenrate das weltweit höchste Durchschnittsalter von 48 Jahren ergibt. Jedenfalls liegt Japan bei den Pro-Kopf-Medikamentenausgaben weltweit an dritter Stelle.
Ein weiteres Spezifikum sind das extreme Arbeitspensum sowie ein sehr hohes Arbeitsethos mit einer äußerst geringen Zahl an Krankenständen. „Die Menschen fühlen sich im Job unentbehrlich“, sagt Mikami dazu. Sie glaubt nicht, dass die Angewohnheit der Japaner, nur in absoluten Ausnahmefällen im Bett zu bleiben, mit dementsprechend stärkeren Medikamenten einhergeht. Der Absatz von Antibiotika jedenfalls ist zurückgegangen, „aus Furcht vor Resistenzen“, wie Mikami sagt. Demgegenüber ist der Konsum von Antidepressiva seit einer Kampagne Ende des 20. Jahrhunderts, bei der Depressionen verbrämt als „Schnupfen der Seele“ bezeichnet wurden, stark gestiegen. „2017 haben sich 1.120.000 Japaner Antidepressiva verschreiben lassen“, sagt Yoko Mikami.

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