Home / Medikationsanalyse / Fortbildung / Apothekerfortbildung / Medikationsanalyse / Medikationsanalyse: QT-Zeit verlängernde Medikamente, anticholinerge Nebenwirkungen
Migräne am Morgen

Medikationsanalyse: QT-Zeit verlängernde Medikamente, anticholinerge Nebenwirkungen

Pharmaceutical Tribune

MEDIKATIONSANALYSE – Teil 04 – Seit einer Lungenentzündung geht es Frau H nicht wirklich gut. Sie klagt über einen trockenen Mund und Schwindel. Außerdem isst und trinkt sie zu wenig. Daher möchte die Tochter, dass sie zusätzlich „Astronautennahrung“ zu sich nimmt. Können Sie den Fall lösen?

Login
Fortbildungsanbieter
Pharmaceutical Tribune

Fallbeispiel

Die Tochter von Frau H. kommt zu Ihnen in die Apotheke, um die Medikamente ihrer Mutter zu holen. Frau H. ist eine Stammkundin in Ihrer Apotheke und Sie kommen mit der Tochter ins Gespräch:

Seit einer Lungenentzündung, die letzte Woche diagnostiziert worden ist, geht es Frau H. nicht richtig gut. Den Durchfall nach dem Antibiotikum hat sie zwar momentan gut im Griff (dank des Imodium, das ihr die Nachbarin gegeben hat), aber sie klagt über einen trockenen Mund und Schwindel, wenn sie versucht aufzustehen. Husten und Atemnot sind allerdings deutlich besser geworden, seit sie das Antibiotikum einnimmt.

Die Tochter von Frau H. erzählt Ihnen weiters, dass ihre Mutter gestern fast ohnmächtig geworden wäre und der Familie einen großen Schreck eingejagt habe. Sie macht sich Sorgen, dass ihre Mutter zu wenig isst und trinkt und möchte gerne zusätzlich „Astronautennahrung“ mitnehmen. Außerdem könne ihre Mutter nicht gut schlafen und liege die meiste Zeit wach. Dagegen hätte sie gern Calmaben (weil ihr diese Tabletten immer gut geholfen haben).

Zusätzlich sei bei Frau H. vor Jahren eine Herzinsuffizienz diagnostiziert worden, weiters leide die Patientin an hohem Blutdruck und einer seit dem Tod des Mannes bestehenden Depression. Diese sei aber momentan gut behandelt.

Diagnosen

  • Pneumonie
  • Herzinsuffizienz
  • Hypertonie
  • Depression

Dauermedikation

Ramipril/HCT 5/25mg 1-0-0
Metoprolol 75mg 1-0-0
Escitalopram 10mg 1-0-0
Clarithromycin 250mg 1-0-1 (für 10 Tage)

Bedarfsmedikation

Loperamid 2mg bei Bedarf (von der Nachbarin)
Hinweise: Die im Fall angeführten Fertigarzneimittel wurden wertfrei für die enthaltenen Wirkstoffe bzw. -kombinationen ausgewählt. Die genannten Produkte stehen damit für alle vergleichbaren Präparate. Bei den Fallbeispielen handelt es sich um Lehrbeispiele, die möglichst praxisnah formuliert wurden. Es besteht daher keinerlei Abklärungsbedarf hinsichtlich einer allfälligen Pharmakovigilanzmeldung.

Lerntext

QT-Zeit 

Unter der QT-Zeit versteht man die gesamte intraventrikuläre Erregungsdauer. Sie ist eine Messgröße bei der Auswertung des EKGs. Da sie von der Herzfrequenz abhängig ist (physiologischerweise nimmt die QT-Zeit mit steigender Herzfrequenz ab), ist zur Befundung eine Frequenzkorrektur erforderlich; man spricht von der QT­c-Zeit.

Durch eine Verlängerung der QTc-Zeit erhöht sich primär die Dauer der vulnerablen Phase des kardialen Aktionspotentials. Fällt nun eine Extrasystole in genau dieses Intervall, können potenziell lebensbedrohliche Rhythmusstörungen wie Torsades des pointes oder ventrikuläre Tachykardien entstehen. Typische Symptome dieser Herzrhythmusstörungen sind Schwindel, Palpitationen und Synkopen.

Die Ursachen einer verlängerten QT-Zeit werden in zwei Kategorien eingeteilt:

  • angeborenes Long-QT-Syndrom: eine angeborene Störung der ventrikulären Repolarisation, wobei verschiedene Gene betroffen sein können.
  • erworbenes Long-QT-Syndrom: eine sekundäre Verlängerung der QTc-Zeit. Die wichtigste Form ist das medikamenteninduzierte Long-QT Syndrom. Andere Auslöser können Elektrolytstörungen oder eine Hypothyreose sein.

Risikokonstellationen für eine relevante QT-Verlängerung sind die Kombination von mehreren QT-Zeit verlängernden Medikamenten, Interaktionen von QT-Zeit verlängernden Medikamenten mit der Begleitmedikation (zum Beispiel über die CYP-Isoenzyme) sowie akute Veränderungen des Gesundheitszustandes (Verschlechterung der Nierenfunktion, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, akute Bradykardie).

Die Patientengruppen mit einem erhöhten Risiko sind:

  • Senioren und Patienten mit Vorerkrankungen (besonders Herz- und Niereninsuffizienz), deren Gesundheitszustand sich akut verschlechtert
  • immunsupprimierte Patienten
  • Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen und Polymedikation

Anticholinerge Nebenwirkungen

Medikamente mit anticholinergem Wirkprinzip werden bei vielen verschiedenen Erkrankungen eingesetzt. Zusätzlich gibt es viele weitere Arzneistoffe, die neben ihrer Hauptwirkung auch auf Neurotransmitterebene wirksam sind und dadurch anticholinerge Nebenwirkungen auslösen können.

Die Einnahme/Überdosierung von anticholinerg wirkenden Arzneistoffen führt im vegetativen Nervensystem zu einem relativen Mangel an cholinerger Transmission. Es kommt zu einer Mischung von zentralnervösen und peripher anticholinergen Symptomen.

Zentrale Symptome:

  • Vigilanzminderung
  • Desorientierung
  • Agitation
  • Schwindel
  • Atemdepression
  • Amnesie
  • Halluzinationen

Periphere Symptome:

  • Mydriasis
  • verminderte Speichel- und Magensaftsekretion
  • Verdauungsstörungen
  • Harnverhalt
  • trockene/heiße/gerötete Haut
  • Tachykardie
  • Vasokonstriktion
  • Bronchodilatation

Die häufigsten auslösenden Medikamente sind (neben Anticholinergika, Drogen und pflanzlichen Giften):

  • Antidepressiva (Trizyklika und SSRI)
  • Spasmolytika (urologisch, gastrointestinal)
  • Sedativa
  • Hypnotika
  • Antipsychotika
  • Antihistaminika (vor allem der ersten Generation)
  • bestimmte Parkinsonmedikamente
  • Mydriatika

Insbesondere ältere Patienten weisen oft grundsätzlich ein cholinerges Defizit auf. Durch die Einnahme von anticholinerg wirksamen Medikamenten steigt die Gefahr der Entwicklung eines anticholinergen Syndroms. Besondere Vorsicht ist bei Polymedikation oder einer zerebralen Vorschädigung geboten.

PHARMAKOLOGIE

Ramipril: wirkt über Hemmung des Angiotensin-Converting-Enzyms und eine dadurch verminderte Bildung von Angiotensin II. Als Folge sinkt unter anderem der periphere Gefäßwiderstand.

Kontraindiziert bei Unverträglichkeit gegen den Wirkstoff, in der Schwangerschaft und Stillzeit, bei angioneurotischem Ödem und Leberinsuffizienz.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen: trockener Reizhusten, übermäßige Blutdrucksenkung, Tachykardie.

Interaktionen: mit SSRI besteht ein Risiko für Hyponatriämie.

Hydrochlorothiazid: Thiaziddiuretikum, das über Hemmung von renalen Ionenkanälen in erster Linie eine Mehrausscheidung von Elektrolyten und damit einen höheren Harnfluss bewirkt.

Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, schwere Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Hyponatriämie, Hypokaliämie, Hypercalciämie, Hyperurikämie.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen: Kalium- und Magnesiumverlust, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Dehydratation, gastrointestinale Beschwerden.

Interaktionen: niedriges Risiko für QT-Verlängerung. Dosisanpassung bei Nieren- oder Leberinsuffizienz.

Metoprolol: kardioselektiver Beta1- Adrenorezeptorblocker, Abbau über CYP2D6.

Kontraindikationen: Unverträglichkeit gegenüber dem Wirkstoff, dekompensierte Herzinsuffizienz, Bradykardie, schweres Bronchialasthma, akuter Myokardinfarkt.

Unerwünschte Wirkungen: Müdigkeit, Bradykardie, orthostatische Störungen, Schwindel, Kopfschmerzen.

Interaktionen: pharmakokinetisch: höhere Metoprololspiegel mit Antihistaminika und Antidepressiva (über CYP2D6-Hemmung).

Escitalopram: antidepressiv wirksamer selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, reines S-Enantiomer von Citalopram.

Kontraindikationen: Unverträglichkeit gegen den Wirkstoff, gleichzeitige Gabe von MAO-Hemmern, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Bei Personen über 65 Jahren sind Dosierungen über 10mg nicht empfohlen, weil die Bioverfügbarkeit bei älteren Patienten ansteigt.

Unerwünschte Wirkungen: Nausea, Veränderung des Appetits, Mundtrockenheit, vermehrtes Schwitzen, Risiko für eine Verlängerung des QT-Intervalls.

Interaktionen: erhöhtes Blutungsrisiko mit Antikoagulanzien und Substanzen, die die Thrombozytenaggregation beeinträchtigen, bei Kombination mit MAO-Hemmern: Risiko für serotonerges Syndrom, Verstärkung der serotonergen Wirkung durch serotonerge Substanzen (Venlafaxin, Tramadol, Triptane).

Clarithromycin: halbsynthetisches Makrolidantibiotikum

Kontraindikationen: Unverträglichkeit gegen Makrolide, stark eingeschränkte Leberfunktion.

Unerwünschte Wirkungen: gastrointestinale Beschwerden, erhöhte Transaminasen, Verlängerung der QT-Zeit.

Interaktionen: inhibiert CYP3A4; in Kombination mit Antikoagulanzien: erhöhte Blutungsneigung.

Loperamid: stark wirksames synthetisches Antidiarrhoikum, bindet an die Opiatrezeptoren in der Darmwand und blockiert die Freisetzung von Acetylcholin und Prostaglandin, wodurch die propulsive Peristaltik gehemmt wird.

Unerwünschte Wirkungen: Obstipation, Mundtrockenheit, Flatulenz, Übelkeit, Benommenheit.

LOGIN