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Medikationsmanagement: Betablocker an der Tara

MM Kurs Teil 53

MEDIKATIONSMANAGEMENT – Teil 53 - Trotz guter Verträglichkeit sind mit Betablockern zahlreiche Nebenwirkungen verbunden. Auch an riskante Kombinationspartner ist bei der Beratung zu denken.

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Medikationsmanagement: Betablocker an der Tara

Trotz guter Verträglichkeit sind mit Betablockern zahlreiche Nebenwirkungen verbunden. Auch an riskante Kombinationspartner ist bei der Beratung zu denken.

Die Hemmung der adrenergen ß₁- und ß₂-Rezeptoren mittels Beta­blockern besitzt große Bedeutung in der Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen wie z.B. Hypertonie oder koronare Herzerkrankungen. Die Substanzgruppe wird aber auch für vielfältige andere Indikationen genutzt (siehe Kasten rechts). Unterschiede zwischen den einzelnen Vertretern der Substanzgruppe bestehen unter anderem in der:

▶ Rezeptorselektivität (sogenannte „kardioselektive“ Beta­blocker blockieren präferenziell den ß₁-Rezeptor)

▶ Lipophilie (Zentralgängigkeit)

▶ Halbwertszeit

▶ Elimination (bevorzugt hepatisch/bevorzugt renal)

1. Betablocker und mögliche UAWs

Achtung Reboundeffekte: Betablocker nie leichtfertig absetzen!

Betablocker gelten als gut verträgliche Substanzgruppe. Einige Aspekte, die an der Tara häufiger zur Sprache kommen, sind:

Müdigkeit: Insbesondere bei den lipophilen Substanzen können zentrale Nebenwirkungen entstehen – Müdigkeit, depressive Verstimmung, aber auch Schlafstörungen und Albträume gehören dazu.

Verschlechterung von Schuppenflechte: Psoriasis kann durch Betablocker ausgelöst oder verschlechtert werden. Bei Patienten mit Schuppenflechte in der
Eigen- oder Familienanamnese wird daher eine besonders strenge Nutzen/Risiko-Abwägung durch den Arzt vorgenommen.

Periphere Durchblutungsstörungen: Eine bestehende Claudicatio intermittens kann sich verschlechtern, häufig wird über kalte Hände und Füße geklagt (durch Blockade der ß₂-Rezeptoren in der Peripherie)

Asthmaerkrankungen: Bedingt durch eine Blockade von ß₂-Rezeptoren an den Bronchien kann es unter Betablockern bei Asthmatikern zur Bronchialkonstriktion und Auslösung von
Asthmaanfällen kommen. Dies gilt insbesondere für die unselektiven Betablocker, in geringerem Ausmaß jedoch auch für die ß₁-selektiven Vertreter, sodass broncho­spastische Erkrankungen eine Kontraindikation für Betablocker sind. Bei der COPD hingegen wird bei entsprechender kardialer Komorbidität ein Benefit
für den Patienten angenommen.

Potenzstörungen: Nebivolol schneidet diesbezüglich günstigster ab als andere Betablocker, da es zusätzliche vasodilatierende Eigenschaften (über NO-Produktion) besitzt.

2. Betablocker und mögliche WW

CYP-vermittelte Interaktionen: Einige Betablocker werden in relevantem Ausmaß über CYP2D6 metabolisiert (vor allem Metoprolol, weiters Nebivolol und Carvedilol). Die parallele Anwendung von Hemmstoffen der CYP2D6 kann die Spiegel dieser Betablocker erhöhen, was Nebenwirkungen wie etwa Bradykardien begünstigt. Zu den Hemmstoffen der CYP2D6 zählen etwa die Antidepressiva Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin und Duloxetin, das Antiarrhythmikum Amiodaron sowie diverse Neuroleptika. Bei CYP2D6 Poor Metabolizern besteht ebenfalls die Gefahr einer Überdosierung.

Hypoglykämie: Bei Diabetikern, die mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen behandelt werden (und in seltenen Fällen auch bei Nicht-Diabetikern), kann unter der Therapie mit Betablockern ein verstärktes Hypoglykämie-
risiko entstehen. Einerseits werden durch Betablocker die hyperglykämischen Gegenregulationsmechanismen wie Gluconeogenese und Glykogenolyse in der Leber gehemmt, andererseits werden die Sympathikus-vermittelten Symptome der Unterzuckerung, insbesondere Tachykardie, Tremor und Unruhe, unterdrückt. So kann die Unterzuckerung lang unbemerkt bleiben („maskierter Hypo“). Das Hypoglykämierisiko betrifft  insbesondere die nicht-kardioselektiven Betablocker, sodass in dieser Patientengruppe die kardioselektiven Substanzen bevorzugt werden sollten. An der Tara kann die engmaschige Überwachung des Blutzuckers angeraten werden. Schwitzen als Warnsymptom der Unterzuckerung bleibt erhalten.

Calciumkanalblocker: Die gleichzeitige Anwendung mit den Calciumkanalblockern wie Verapamil oder Diltiazem sollte sorgfältig überwacht werden – eine Verstärkung der negativ inotropen und bradykarden Wirkung ist möglich, vor allem bei intravenöser Verabreichung.

Antiarrhythmika: Obwohl einige Betablocker auch in der Therapie von Herzrhythmusstörungen Anwendung finden, können sie auch unerwünschte Nebenwirkungen wie AV-Überleitungsstörungen nach sich ziehen. Die Kombination mit Antiarrhythmika wie Amiodaron kann zu additiven kardiodepressiven Wirkungen, ausgeprägten Bradykardien und höhergradigen atrioventrikulären Überleitungsstörungen führen und sollte daher möglichst vermieden werden. Müssen sie gemeinsam eingesetzt werden, sollten Serumkalium und Bradykardie überwacht werden.

3. Betablocker: Facts und Beratungstipps

▶ Als Reaktion auf die längerfristige Blockade der Betarezeptoren wird die Anzahl der Betarezeptoren im Körper erhöht. Beim abrupten Absetzen kann es daher zu Reboundeffekten kommen: Plötzliche starke Erhöhungen des Blutdrucks können die Folge sein, das Risiko für tachykarde Rhythmusstörungen, ein akutes Koronarsyndrom oder plötzlichen Herztod steigt an.

! Laufende Betablockertherapien sollten daher nicht leichtfertig unterbrochen werden (Ausnutzung des Notfallparagraphen an der Tara, wenn notwendig).

Ist ein Absetzen der Betablocker angezeigt, so wird ärztlicherseits meist ein schrittweises Ausschleichen über 10–14 Tage unter laufenden Kontrollen verordnet.

▶ Ist es nötig, im Rahmen von akuten allergischen Reaktionen oder während einer Desensibilisierungstherapie Adrenalin als Notfallmedikament zu verabreichen, so kann das Ansprechen auf diese Maßnahme durch den Betablocker vermindert sein.

▶ Betablocker können den normalen Tränenfluss reduzieren. Die Anwender klagen vermehrt über trockene Augen, insbesondere Kontaktlinsenträger.

▶ Wie auch bei anderen Augentropfen besteht bei Augentropfen mit Wirkstoffen aus der Betablockergruppe (z.B. Timolol-Augentropfen) die Möglichkeit, dass Teile des Wirkstoffs über den Tränenkanal abfließen und in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Dort können sie unerwünschte systemische Wirkungen hervorrufen oder die Wirkung eines systemisch angewendeten Betablockers verstärken. Um dieses Risiko zu minimieren, ist das korrekte Eintropfen mit anschließender ein­minütiger Kompression des Tränenkanals links und rechts der Nase oder dreiminütigem Lidschluss zu empfehlen.

▶ Die stressdämpfenden und angstlösenden Effekte der Betablocker können in Sportdisziplinen, in denen Konzentration und Bewegungspräzision essenziell sind, zur psychomotorischen Leistungssteigerung missbraucht werden. Daher stehen sie in einigen Sportarten auf der Dopingliste: z.B. im Billard, Golf, Motorsport oder Skispringen, ebenso Bogenschießen und Schießen (www.nada.at)

Indikationen

Ausgewählte Anwendungsgebiete von Betablockern, Unterschiede sind je nach Substanz und Zulassungsstatus einzelner Arznei­spezialitäten möglich:

▶ arterielle Hypertonie

▶ KHK

▶ tachykarde Herzrhythmusstörungen

▶ stabile chronische Herzinsuffizienz

▶ Langzeitprophylaxe nach einem Herzinfarkt

▶ funktionelle Herzbeschwerden

▶ als Zusatztherapie bei Angst oder Angstzuständen

▶ als Zusatztherapie bei Hyperthyreose

▶ Migräneprophylaxe

▶ essenzieller Tremor

▶ erhöhter Augeninnendruck

▶ Hämangiome bei Kindern

 

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