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MM-Kompakt: Zoster-Therapie mit Fallstricken

Bei Gürtelrose ist eine möglichst schnelle antivirale Therapie wichtig. Genau schauen heißt es dennoch, vor allem wenn die Patientin zusätzlich verwirrt ist.

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Frau S. kommt in die Apotheke

Frau S., eine etwa 65-jährige Dame, die einen gereizten und sehr verwirrten Eindruck macht, läutet am frühen Abend im Bereitschaftsdienst. Aufgeregt verlangt sie sofort „ihr“ Medikament für den Hautausschlag. Auf näheres Nachfragen gelingt es herauszufinden, dass sie schon mehrmals eine sehr schmerzhafte Gürtelrose hatte und nun wieder verstärkte Schmerzen, Brennen und beginnende Bläschenbildung im Bereich des seitlichen Brustkorbs wahrgenommen hat. Nach ihren Angaben hat sie schon des Öfteren das gleiche Medikament dagegen verordnet bekommen und vom Arzt die Weisung erhalten, dieses beim neuerlichen Auftreten von Herpeszoster-Symptomatik unverzüglich einzunehmen. Da ihr der Name des Medikaments partout nicht einfallen will, willigt sie ein, dass die Medikationsliste auf ihrer E-Card vom Apotheker eingesehen werden darf. Diese zeigt tatsächlich zwei zurückliegende Verschreibungen von Mevir® 125 mg Tabletten.

Ihre Dauermedikation:

Carvedilol 6,25 mg         1-0-1
Duloxetin 60 mg            1-0-0
Tramal® Tropfen            4 x 30 Tropfen
Xanor® 1 mg                  0-0-0-1
Tegretol® ret. 400 mg    1-0-1

Der Kundin ist inzwischen eingefallen, dass ihr Arzt an diesem Tag Abendordination hat und telefonisch erreichbar sein müsste. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie so durcheinander sei und erwähnt, dass sie das Gefühl hätte, das käme von ihren Tabletten.

Wie kann in Bezug auf die Mevir®-Einnahme vorgegangen werden? Welche Kontraindikationen müssen unbedingt abgeklärt sein, bevor Mevir® angewendet werden darf?

Welche Wirkstoffe aus der Dauermedikation könnten tatsächlich mit der Verwirrung der Kundin zusammenhängen?

Hinweis: Die im MM-Fall genannten Fertigarzneimittel hat das MM-Lecture-Board beispielhaft und wertfrei für die enthaltenen Wirkstoffe bzw. -kombinationen ausgewählt. Die genannten Produkte stehen damit für alle vergleichbaren Präparate.

Lerntext & Auflösung

Bei Gürtelrose ist eine möglichst schnelle antivirale Therapie wichtig. Genau schauen heißt es dennoch, vor allem wenn die Patientin zusätzlich verwirrt ist. (Pharmaceutical Tribune 14/2018)

1. MM-Check für Frau S.

  • Als Opioid-Analgetikum kann Tramadol (Tramal®) diverse psychische Nebenwirkungen verursachen, unter anderem Verwirrtheit. Der Interaktionscheck ergibt außerdem eine Wechselwirkung zwischen Duloxetin undTramadol: Duloxetin stellt einen moderaten Hemmstoff der CYP 2D6 dar, genau dieses Enzym wird jedoch benötigt, um Tramadol in seine aktive Wirkform O-Desmethyl-Tramadol zu überführen. Es kann daher diese Aktivierung nicht ausreichend stattfinden, als Konsequenzbleibt die volle analgetische Wirkung von Tramadol aus.
    Dies könnte auch erklären, warum die Kundin auf verhältnismäßig hohe Dosen von Tramadol (300 mg) eingestellt ist, das sie nach eigenen Angaben gegen Rückenbeschwerden bekommen hat. Nebenwirkungen von Tramadol, etwa serotonerge Effekte, können bei dieser Dosierung jedoch zunehmen. Die Summierung der serotonergen Effekten von Tramadol und Duloxetin könnte die Verwirrung zusätzlich triggern.
  • Die gleichzeitige Anwendung des Enzyminduktors Carbamazepin kann zur Verringerung desanalgetischen Effektes und der Wirkdauer von Tramadol führen.
  • Xanor® (Alprazolam) gehört zu den Benzodiazepinen mit besonders langer Halbwertszeit und kann ebenfalls Verwirrtheitszustände begünstigen. Bei älteren Patienten ab 65 Jahren ist die verminderte Clearance bzw. erhöhte Sensitivität gegenüber dem Arzneimittel zu beachten, die Gebrauchsinformation empfiehlt für diese Altersgruppe eine Tagesmaximaldosis von 0,75 mg.
  • Die Einnahme von Tegretol® (Carbamazepin) könnte darauf hinweisen, dass die Kundin von vorhergehenden Zoster-Exazerbationen bereits eine Post-Zoster-Neuralgie zurückbehalten hat und hier ein Versuch unternommen wurde, die neuropathischen Schmerzen zu therapieren. Verwirrtheit zählt zu den bekannten Nebenwirkungen des Wirkstoffs.
  • Mevir® (Brivudin) ist ein Nukleosidanalogon, welches die Replikation des Varicellazoster-Virus hemmt. Es weist sehr wenige Wechselwirkungen auf, jedoch eine herausragend schwere: Brivudin darf nicht mit gemeinsam mit 5-Fluorouracil (5-FU) angewendet werden, auch nicht mit dessen Prodrugs Capecitabin (Xeloda®), Floxuridin, Tegafur(Teysuno®) oder anderen 5-Fluoropyrimidinen (z.B. dem Antimykotikum Flucytosin). Es kann zur Akkumulation der genannten Chemotherapeutika kommen und deren Toxizität so verstärkt werden, dass tödliche Verläufe möglich sind.

! Vor einer Behandlung mit Mevir® muss also immer abgeklärt werden, ob der Patient sich gerade einer Chemotherapie (auch mittels Zytoralia!) unterzieht.

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