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Myrrhe, Kamille & Co bei Colitis ulcerosa

Wie es Myrrhe, Kamillenblüten und Kaffeekohle in die aktuelle Leitlinie zu Colitis ulcerosa geschafft haben, schildert Prof. Jost Langhorst von den Kliniken Essen-Mitte.

Als Goldstandard für die Remissionserhaltung bei der chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) Colitis ulcerosa gelten 5-ASA-Aminosalicylate wie Mesalazin, auch Biologika gewinnen an Bedeutung. Jedoch, berichtet Prof. Dr. Jost Langhorst, Leiter des Zentrums für Integrative Gastroenterologie, Kliniken Essen-Mitte, Medizinische Fakultät, Uni Duisburg-Essen, hätten Betroffene wegen der Nebenwirkungen und des Risikos einer „Übertherapie“ großes Interesse an komplementären Therapien. Jeder zweite CED-Betroffene hat laut Studien (Langhorst et al., 2005 & 2007) schon Erfahrungen mit naturheilkundlichen Therapieverfahren, ein Viertel wendete bereits Phytotherapie an. Für CED stehe ein „bunter Strauß“ an Phytotherapeutika zur Verfügung: Flohsamen, Weihrauch, Myrrhe, Kamillenblüten, Heidelbeeren, Blutwurz, Wermut, Curcuma und Cannabis.

Kombi: Vielfältige Effekte

Prof. Dr. Jost Langhorst

In den Fokus der Colitis-ulcerosa-Forschung rückte aber insbesondere eine Kombination aus Myrrhe, Kamillenblüten und Kaffeekohle, weil bereits mehrere Arbeiten synergistische antiinflammatorische, spasmolytische, antibiotische sowie barrierestabilisierende Effekte gezeigt haben. Langhorst und Kollegen führten daher eine randomisierte, doppelblinde, prospektive Studie1 durch, bei der die Patienten (n = 96, Erkrankungsdauer im Schnitt 12,4 Jahre) ein Jahr lang entweder 500 mg Mesalazin oder 100 mg Myrrhe, 70 mg Kamillenblüten-Trockenextrakt (4–6:1), 50 mg Kaffeekohle (Myrrhinil Intest®) einnahmen. Das Einschlusskriterium war eine bekannte Colitis ulcerosa in klinischer Remission (> 1 Woche, < 1 Jahr).
„Wir wollten zeigen, dass in den zwölf Monaten das pflanzliche Medikament mithalten kann und im Vergleich zu Mesalazin nicht unterlegen ist“, erklärt Langhorst das primäre Zielkriterium. Sekundäre Zielkriterien waren Rezidivrate, Dauer bis zum ersten Rezidiv, Sicherheitsprofil und krankheitsbezogene Lebensqualität.

Das „hocherfreuliche“ Ergebnis: Die Anzahl der Patienten mit einem Rezidiv zu den Visitenzeitpunkten war in etwa gleich unter Mesalazin wie unter dem Phytotherapeutikum (22 vs. 25 Patienten, p = 0,540). Auch die Unterschiede in der rezidivfreien Überlebenszeit waren statistisch nicht signifikant: 268 ± 22 Tage vs. 240 ± 23 Tage (p = 0,397). „Beide Therapeutika waren sehr gut verträglich“, ergänzt der Gastroenterologe zum Sicherheitsprofil.

Fünfjähriges Follow-up

Eine darauffolgende retrospektive Kohortenstudie mit 5-Jahres-Follow-up2 (n = 52) zeigte ebenfalls „sehr ansprechende“ Ergebnisse unter Therapie mit dem Phytopräparat:

  • 73 % Remission (n = 38)
  • 12 % akuter Schub (n = 6)
  • 4 % chronisch aktiv, > 6 Monate (n = 2)
  • 10 % unklar (n = 5)

43 % der Patienten (n = 23) nahmen das Phytotherapeutikum auch nach Studienende ein. Für 18 dieser Patienten war Myrrhinil-Intest® sogar die einzige Medikation. Jene, die Myrrhinil-Intest® nach Studienende abgesetzt haben, nannten als häufigste Gründe: „kein Medikamentenbedarf mehr“ (langfristige Remission, n = 17), „war nicht effektiv“ (n = 9), „Medikamente zu teuer/zu schwer zu bekommen“ (n = 9) „einfach vergessen“ (n = 4). Mehr als 80 % waren „absolut“ oder „eher zufrieden“.

Eine weitere Arbeit3 untersuchte das Profil der regulatorischen T-Zellen CD4+ und CD25+. Denn: „Wir haben in einer ersten Studie gezeigt, dass bei aktiver Colitis ulcerosa diese regulatorischen T-Zellen im Vergleich zu den Kontrollen deutlich hochreguliert sind.“
Bekannt war, dass kurzkettige Fettsäuren (SCFA) die Differenzierung von regulatorischen T-Zellen fördern, wobei Butyrate in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung sind. SCFA, u.a. für die Energieversorgung der Darmschleimhaut essenziell, sind bei Patienten mit Colitis ulcerosa vor allem bei erhöhter Entzündungsaktivität reduziert. Und es werde, betont Langhorst, die Korrelation verminderter SCFA mit einem erhöhten Risiko für Inflammation und kolorektalem Karzinom diskutiert.

Anderes Wirkspektrum

Das Ergebnis: „Interessanterweise fielen die SCFA während eines akuten Schubs unter Therapie mit dem Phytotherapeutikum nicht so stark ab wie unter Behandlung mit Mesalazin“, berichtet Langhorst von überraschenden Unterschieden im Wirkspektrum der zwei Therapeutika.
Die Arbeitsgruppe habe all diese Daten „als Rückenwind“ in die Leitlinien-Konferenz mitgenommen, erzählt Langhorst. Mit erfreulichem Ausgang: Tatsächlich wurde in die neue AWMF-„S3-Leitlinie – Colitis ulcerosa“4 folgende Empfehlung aufgenommen: „Eine Kombination aus Myrrhe, Kamillenblütenextrakt und Kaffeekohle kann komplementär in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt werden.“

Schubprophylaxe bei Colitis ulcerosa

Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass die Therapie mit Myrrhe, Kamillenblütenextrakt und Kaffeekohle

  • einer Therapie mit Mesalazin in der Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa nicht unterlegen ist,
  • auch in der Langzeitanwendung sicher ist und
  • ein anderes Wirkspektrum als Mesalazin abruft.

Quellen:

Phytotherapie, Tetranationaler Kongress, Wien, 31.5.–2.6.2018
1 Langhorst J et al., Alimentary Pharmacol & Therapy (2013); 38(5): 490–500
2 Langhorst J et al., Zeitschrift für Phytotherapie 2016; 37 (06): 249253, DOI: 10.1055/s-0042-119220
3 Langhorst J et al., PLOS ONE (2014) Aug 21; 9(8): e104257
4 Kucharzik T et al., Februar 2018, AWMF-Registriernummer: 021-009

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