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Phytogramm

So ein kleiner Tausendsassa!

Andorn ist ein Heilkraut mit langer Geschichte. Antike Völker Ägyptens, Griechenlands und Italiens schworen auf die antiasthmatische und schleimlösende Wirkung dieses dort heimischen Krauts. Urkundlich erwähnt ist Andorn bei Dioskurides als potenter Schleimlöser. Hildegard von Bingen pries die krampflösenden Effekte des Andorns auf die Verdauungsorgane. Rituell wurde im Mittelalter Andorn zur Austreibung böser Geister verwendet. Bis heute hat sich der Andorn, der mittlerweile bei uns heimisch ist, in der Volksheilkunde erhalten. Ob als Teezubereitung, frischer Presssaft oder alkoholischer Auszug ist Marrubium vulgare bei „Insidern“ als volksmedizinisches Heilmittel innerlich bei Husten mit zäher Verschleimung und zur Ankurbelung der Verdauung in Gebrauch. In Deutschland wurde Marrubium vulgare L. als Heilpflanze des Jahres 2018 gekürt. Deshalb wollen auch wir ihm hier Beachtung schenken.

Wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe sind Diterpen-Bitterstoffe. Marrubiin, ein Furanolab­danlacton, bildet den Hauptanteil mit bis zu 1 %. Standardisiert ist die Droge lt. Ph. Eur. mit mind. 0,7 % Marrubiin. Weiters enthält die Droge Phenylethanoide (z.B. Acetosid), Flavonoidglycoside des Quercetins, Luteolins und Apigenins. Lamiaceengerbstoffe bis 7 % und Hydroxyzimtsäuren wie Chlorogen-, Kaffee- und Caffe-
o­ylchinasäuren. Spuren ätherischen Öls (0,05 %), vorwiegend aus Monoterpenen, wurden ebenfalls nachgewiesen.

Die verdauungsstimulierenden Eigenschaften des Andorns erfolgen über die Bitterwirkung der Inhaltsstoffe.1 Es kommt nach Einnahme zu einer Steigerung der Magensaft- und Galleproduktion. Expektorierende Effekte der Bitterstoffe lassen sich durch die über die Magenschleimhaut reflektorisch bedingte erhöhte Wassersekretion im Bereich der Bronchialschleimhaut erklären. Diese Reaktion läuft über erhöhte parasympatische Reize im Nervus vagus unterhalb der Brechschwelle. Unterhalb dieser kommt es zur erhöhten Flüssigkeitsabsonderung in der Lunge, wodurch der Schleim leichter abgehustet werden kann. Zur äußerlichen Anwendung von Extrakten und Wirkung bei entzündlichen Hauterscheinungen liegen Studien über antiödematöse und analgetische Effekte des Andorns im Tier­experiment vor.2 Mit diesem Wissen können wir unseren Patienten vermehrt Andorn-Tinktur oder frischen Presssaft als Amarum bei leichten Verdauungsbeschwerden, Blähungen oder prophylaktisch vor Völlerei empfehlen. Tees sind zweimal täglich bei festsitzendem Husten mit 1,5 TL pro Tasse erfolgreich. Andorn ist wieder im Rennen – wohl bekomm’s! 1 Martin-Nizard et al., Pharm Pharmacol. 2004; 1607–11
2 Stulzer HK et al., J. Ethnopharmacol. 2006; 379–84

RP/Andorn-Tinktur

Marrubii herba 20,0 g
Aethanolum 200,0 g (Droge gut bedeckt)
Verschlossen und zugedeckt vier Wochen
ziehen lassen. Abseihen.
DS: 3 x tgl. 10–30 Tr.

Steckbrief

Familie:

Lamiaceae

Stammpflanze:

Marrubium vulgare L.

Herkunft:

Mittelmeerraum bis Asien, heute in ganz Europa vorkommend

Verwendete Pflanzenteile:

getrocknete oberirdische Anteile zur Blütezeit geerntet, vorwiegend aus Marokko oder Südeuropa

Anwendungsbereiche:

Innerlich aufgrund der traditionellen Anwendung: leichte dyspeptische Beschwerden wie Blähungen oder Völlegefühl, Appetitlosigkeit; als Expektorans bei Infektionen der oberen Atemwege und grippalem Infekt

Äußerlich in der Volksmedizin als Wundauflagen zur unterstützenden Heilung von infektiösen Wunden

Monographien:

HMPC, ESCOP, Kommission E

Produktbeispiele

  • St. Severin Gallen- und Lebertee
  • Andorn
  • Naturreiner Heilpflanzensaft
  • Schöneberger®
  • Hustensaft Weleda (Kombination mit Anis, Quendel, Thymian, Dulcamara DEV1: 6–7)
  • Marrubin® Andorn-Bronchialtropfen (Deutschland)
  • Lutschtabletten
  • Elixiere (z.B. Wala® Bitter Elixier)
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