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Hanf: Heiß diskutiert und viel umworben

Hanf (Cannabis sativa L.) wird bereits seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. als Arzneimittel verwendet. Derzeit ist es wieder hoch im Kurs.

Cannabis sativa ist der Sieger in der Kategorie Arzneipflanze 2018! Das Prädikat wurde von der Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) verliehen und das zu Recht! Hanf ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Erde und seit der Altsteinzeit als Faserpflanze und Nahrungsmittel bekannt. Erste pharmakologische Abhandlungen über den Einsatz als Heilmittel stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Hanfauszüge wurden als Heilmittel bei entzündlichen Erkrankungen, Übelkeit und zur Schmerzbehandlung eingesetzt. Cannabis ist eine zweihäusige Pflanze (diözisch) und die Bestäubung erfolgt durch Wind. Dieser trägt auch den charakteristischen Hanfduft an unsere Nase, bedingt durch flüchtige Inhaltsstoffe (Terpenoide und Cannabinoide), die sich ausschließlich im Exkret der Trichome von Kelchblättern weiblicher Blütenähren befinden. Im Cannabisharz enthaltene Cannabinoide gehören zur Gruppe terpenoider Benzopyranderivate. Die Hauptkomponenten Cannabidiol, Cannabinol und Tetrahydrocan­nabinol (THC) werden in der Pflanze aus Cannabigerol synthetisiert. Ihre prozentuelle Verteilung hängt vom Reifegrad der Pflanze ab.

Arzneilich interessant sind Pflanzen mit einem Gehalt ab einem Prozent THC. Zuchtformen zur Cannabidiol- und Fasergewinnung sind THC-arm (ca. 0,25 %). Therapeutisch kommt isoliertes Delta-9-THC als Drona­binol für Patienten mit Multipler Sklerose oder Rückenmarksverletzungen zur Linderung von Spasmen, Schmerzen und Blasenfunktionsstörungen zum Einsatz. Eine wichtige Indikation ist die Hemmung der Übelkeit und Appetit­anregung im Rahmen einer Chemotherapie und bei Patienten im Endstadium. Seit 2012 ist Sativex®, ein auf 27 mg THC standardisierter Dickextrakt aus Can­nabis sativa L. folium cum flore, zur symptomatischen Behandlung von erwachsenen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund vom Multipler Skle­rose in Österreich zugelassen. Klinische Studien an Patienten mit chronisch neuropathischen Schmerzzuständen zeigen bei niedrig dosierter inhalativer Therapie von Cannabisextrakten (1,29 Prozent THC) einen hohen analgetischen Effekt mit geringen psychoaktiven Nebenwirkungen.1 An einer Gruppe von Patienten mit Morbus Crohn, die auf konventionelle Therapien nicht ansprachen, wurden mit einer zweimal täglichen Inhalation von je 115 mg THC über acht Wochen ein entzündungshemmender Effekt und deutliche Linderung der Beschwerden erzielt.2 In allen Fällen gilt: Suchtgift- und zur Kassen­erstattung Chefarztstatus vorausgesetzt.

Derzeit hochaktuell sind Cannabidiol (CBD)-Extrakte des Krauts. Diese liegen rechtlich in einer noch nicht regulierten Grauzone. Ein Verbot von CBD hätte unter anderem Auswirkungen auf Hanf­öl als Lebensmittel, Salbenbestandteil und für Kosmetika und wäre für unser Arzneimittel eigentlich fatal. Eine geplante SVO-­Novelle stand schon im Raum. CBD-Zubereitungen sind von lizensierten Herstellern als Ölpräparate in diversen Konzentrationen erhältlich. Diese wirken nachweislich anti­emetisch, entzündungshemmend und neuroprotektiv ohne psycho­trope Wirkung.3 Studien zeigen ebenfalls einen entspannenden, krampflösenden und schlaffördernden Effekt von CBD-Extrakten.4

Im Apothekenalltag ist auch das reichhaltige Öl aus Cannabissamen interessant. Hanföl, egal welcher Varietät gewonnen, hat einen hohen Gehalt an Linolsäure, γ-Linolensäure und Stearidonsäure, wichtig für den Prostaglandin- und Hormonstoffwechsel, und ist wie Leinöl ein empfohlenes Speiseöl. In der topischen Anwendung ist Hanfsamenöl aufgrund der entzündungshemmenden Wirkung durch hohen γ-Linolensäuregehalt dem Nachtkerzenöl gleichgestellt und wirkungsvoll in der Behandlung von Trockenheitsekzemen und Neurodermitis (siehe Rezept). Mit unserem Rezepturwissen können wir Hanföl als wirksamen Salbenbestandteil in neutralen Salbengrundlagen guten Gewissens empfehlen. Hanföl ist für große Patienten und auch ganz kleine Patienten ab dem ersten Lebensjahr geeignet, die im Rahmen der Ernährungsumstellung oft mit trockener Haut und Juckreiz kämpfen.
Hanf hat viele Facetten. Nutzen wir als Apotheker sein Potenzial als Arzneipflanze – denn wir wissen Bescheid!

1 Wilsey B et al., J Pain 2013: 136–48;
2 Clin Gastroenterol Hepatol 2013: 604–6;
3 Grotenhermen F et al., Dtsch Ärztebl Int 2012: 495–501;
4 FEBS Lett 2006: 4337–45

RP/Salbe bei Trockenheitsekzem (auch für Kleinkinder)

  • Hanfsamenöl 20,0 g
  • Cera lanae cum aqua 25,0 g
  • Glycerolum 15,0 g

Ung. cordes ad 100,0 g

Steckbrief

Stammpflanze:

Cannabis sativa L.

Familie:

Cannabaceae

Verwendete Pflanzenteile und Anwendungsbereiche:

Hanfblütentee im Heißwasseraufguss THC- und CBD-frei, fettes Öl der Samen topisch bei Trockenheitsekzemen, innerlich hochwertige Nahrungsergänzung, CBD: ölige Zubereitungen bei Schlaflosigkeit und neuropathischen Beschwerden, THC als Reinsubstanz (chefarztpflichtig) in der Onkologie und bei schweren Erkrankungen

Monographien:

keine, Zulassung für THC-Monosubstanz und definierte Dickextrakte nach AMG

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