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Den „point of no return“ des Virus nicht übersehen

Den Sommer mit Verantwortung genießen, lautet vorerst der Auftrag von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), der mit Virologin Prof. Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Prof. Herwig Ostermann von der GÖG und dem Virologen Prof. Christian Drosten einen Rückblick und Ausblick zu Corona in Österreich und Deutschland wagte. Im Herbst soll es dann mit ganzer Kraft darum gehen, eine zweite Covid-19-Welle zu verhindern.

Nur gemeinsam könne man die Corona-Krise lösen, denn „wir sitzen gemeinsam in einem Boot“, steigt Sozial- und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am 17.06.2020 bei der Bilanzpressekonferenz zur Corona-Krise in Österreich und Deutschland ein. Die Lage sei mit bloß 14 Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden sehr stabil. Von 417 aktiv Erkrankten sind 71 hospitalisiert, davon elf auf der Intensivstation. Doch das soll „nicht täuschen“, die „Geschichte ist noch nicht gegessen“, auch wenn das manche zu glauben meinen.

Mehr als 800.000 Anrufe bei der Hotline 1450

Pressekonferenz mit Rudolf Anschober, der Virologin Prof. Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Prof. Herwig Ostermann von der GÖG und dem Virologen Prof. Christian Drosten.

Was positiv funktioniert hat, ist laut Anschober der Schutz des Gesundheitssystems durch die Lenkung via Hotline 1450. Mehr als 800.000 Anrufe seien seit Beginn der Corona-Krise eingegangen, dazu kämen weitere 400.000 Anrufe bei der Hotline der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) für allgemeine Anfragen. Auch der einmonatige Lockdown ab dem 16. März sei die richtige Maßnahme zum richtigen Zeitpunkt gewesen. Besonders die erste Lockerung am 15. April habe er mit „Bauchweh“ verfolgt, aber bisher seien alle 14-Tage-Schritte gut ausgegangen. Weniger gut funktioniert habe die Startphase, räumt Anschober ein, auch das Beschaffungsproblem von Schutzausrüstung gehöre auf die Negativseite.

Labordiagnostik verschaffte Vorsprung

Der per Video live zugeschaltete Virologe Prof. Christian Drosten, Charité Berlin, betonte, dass beide Länder schnell reagiert hätten. Sowohl in Österreich als auch Deutschland habe man durch die rasche Labordiagnostik einen drei- bis vierwöchigen Vorsprung gehabt. Was ein solcher Vorsprung ausmache, sehe man leider an der Situation in den USA, wo es in manchen Bundesstaaten durch ein zu frühes Öffnen zu einem „direkten Weitergehen der ersten Welle“ komme. „Wir haben dasselbe Virus“, warnt Drosten.

Der große Unterschied sei nur die „glückliche Niedriginzidenz-Situation bei uns“, sodass es selbst bei Großveranstaltungen kaum Ansteckungen gebe, aber: „Die Achtung vor dem Virus dürfen wir über den Sommer nicht verlieren.“ Drosten lobt zudem die „heroischen Leistungen“ der Behörden bei der Nachverfolgung der Fälle. Besonders im Herbst, wenn die Bildungseinrichtungen wieder öffnen, sei weiterhin eine erhöhte Wachsamkeit wichtig.

Gute Testlandschaft in Österreich, aber Reagenzien nach wie vor Problem

Ao. Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Medizinische Universität Wien, streut ihrem deutschen Kollegen Rosen, da Drosten schon am 10. Jänner mit seinem Team die Sequenz von SARS-CoV-2 identifizieren konnte. Bereits zehn Tage später war der Test in Österreich verfügbar, am 23. Jänner wurde der erste PCR-Test durchgeführt, bekanntlich negativ. „Wir haben in Österreich eine sehr gute Testlandschaft“, zählt Puchhammer-Stöckl zunächst Positives auf. Jedoch gebe es ein Problem mit Reagenzien, nach wie vor. Zudem könnte man die Logistik rund um die Tests, die an sich nur wenige Stunden dauern, verbessern.

Positiv führt die Virologin in ihrem Rückblick auch das bei der Influenza bewährte Surveillance-System an. Ab März hätten die niedergelassenen Ärzte – mehr als 230 sind daran beteiligt – bei respiratorischen Symptomen auch auf SARS-CoV-2 geschaut, wodurch etliche Covid-19-Fälle entdeckt worden seien, die ansonsten mangels Erfüllung der Kriterien der 1450-Hotline unbemerkt geblieben wären.

Prognosen treffen Realität mittlerweile sehr gut

Der Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, Ao. Univ.-Prof. Dr. Herwig Ostermann, betont die „gute Planungssicherheit“, mittlerweile würden die Prognosen die Realität sehr gut treffen. Bei den Kapazitäten für Intensivpatienten habe sich gezeigt, dass etwa 15 Prozent der Covid-19-Fälle hospitalisiert werden müssen, davon komme ein Sechstel auf die Intensivstation.

Anschober strich die „sensationelle Teamarbeit“ von Regierungsmitgliedern, Krisenstab, Expertenbeirat etc. hervor, „eine bisher unbekannte Team-Situation für mich“, und betonte bewusst die Solidarität. Als Problem sieht er jedoch das nachlassende Risikobewusstsein: „Wir müssen verhindern, dass aus einer Sinuskurve wieder eine exponentielle Kurve wird.“

Drosten ergänzt dazu, dass es in Deutschland gerade eine „starke Debatte“ wegen der Öffnung von Kindertagesstätten und Schulen gebe. Seiner Ansicht nach müsse man sich gut auf Ausbrüche vorbereiten, insbesondere in Schulen, Pflegeheimen und auch in Spitälern, bei Letzteren z.B. mit einem Aufnahmescreening.

Das Virus nicht „wie ein Uhrwerk“ laufen lassen

Ein Punkt ist ihm besonders wichtig: „Ich habe das Gefühl, dass die wissenschaftliche Kommunikation auf eine faire Art und Weise die wichtigste nicht-pharmazeutische Intervention ist.“ Die breite Bevölkerung brauche ein Verständnis für die Maßnahmen. „Wir werden eine zweite Welle sicher verhindern können“, ist Drosten überzeugt, genauso wie eine zweite Welle sicher komme, wenn man das Virus „wie ein Uhrwerk“ einfach laufen lasse. Es werde Aufgabe der Gesundheitsbehörden sein, rasch zu intervenieren, damit „die Funken, die da fliegen“ – auch aus einem kleinen Feuer – nicht irgendwann zu viele werden.

Präsentation von neuen Testprogrammen Anfang Juli

Einen zweiten Lockdown wolle man unbedingt vermeiden, sagt Anschober, es gehe um ein „präzises und regionales Nachjustieren der Sicherungs- und Schutzmaßnahmen“. Freilich könnten einzelne Lockerungen, wie z.B. Mund-Nasen-Schutz, wieder eingeführt werden. Der Gesundheitsminister kündigte für Anfang Juli neue Testprogramme an: Diese sollen gezielte Screenings und Monitoring von gefährdeten Gruppen umfassen, ferner die Quarantäne von Verdachtspersonen und die Nachverfolgung von Kontaktpersonen.

Weiters gehe es um die Unterstützung der lokalen Gesundheitsbehörden und um effizientes Containment 2.0, wobei Anschober auch wieder für die Stopp-Corona-App des Roten Kreuzes die Werbetrommel rührte. Das Wichtigste sei aber die Bevölkerung: Ohne Mindestabstand und Hygieneregeln funktioniere es nicht. Jetzt könne man den Sommer genießen, aber mit dem Appell: „Die Verbindung zwischen Genuss und Verantwortung zu leben.“

„Es liegt schon in unserer Hand, eine zweite Welle zu verhindern“, sagt Drosten, „wir können uns nicht ducken.“ An sich halte er die bisherige Strategie für gut, aber „nicht per Dekret“, die Bevölkerung müsse die Maßnahmen verstehen. Bezüglich der Schulen berichtet der Virologe von einer aktuellen Studie aus Schweden, wonach die Seroprävalenz von Kindern und Jugendlichen (0-19 Jahre) mit 7,5 Prozent etwa gleich hoch wie bei Erwachsenen (20-64 Jahre) sei. Wovor er daher am meisten warne, Studien so auszulegen, als ob Kinder nicht ansteckend seien, „wir wissen es einfach nicht genau“.

Was man aber wisse: Den „point of no return“ des Virus dürfe man nicht übersehen.

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