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„Wollen wir uns mit Lappland vergleichen?“

Der schwelende Konflikt flammt erneut auf. Der NÖ Landtag stimmte mehrheitlich (VP, SP, FP) für einen Antrag, wonach der Bund das Betreiben ärztlicher Hausapotheken erleichtern soll. Die Apothekerkammer zerreißt die Argumente in der Luft.

Der Antrag selber ist vage formuliert: Der Bund solle „rasch Vorschläge“ zur medizinischen Nahversorgung und zur Versorgung mit Arzneimitteln in ländlichen Regionen vorlegen (siehe Text, Seite 3 unten). Doch in der Antragsbegründung lassen LAbg. DI Franz Dinhobl (VP) und Kollegen die Katze aus dem Sack: Die Zahl der Hausärzte sinke, Gründe dafür seien Investitionskosten, hoher Zeitaufwand und persönliches finanzielles Risiko. Die Möglichkeit zur Führung einer ärztlichen
Hausapotheke sei dabei „ein wichtiger Aspekt“.
Die Option zur Führung einer ärztlichen Hausapotheke sollte daher „flexibler“ gestaltet werden und nicht an „starre“ Entfernungsvorgaben gebunden sein, finden Dinhobl und Co, wobei sie explizit die Kilometer-Regelung anführen:

  • Eine Hausapotheke wird in Gemeinden mit weniger als zwei besetzten Kassenstellen (1,5 bei Vertrags-Gruppenpraxis) nur dann neu bewilligt, wenn eine öffentliche Apotheke mehr als sechs Kilometer entfernt ist.
  • Eine Kassenpraxis mit Hausapotheke kann der Nachfolger nur weiterführen, wenn die nächste Apotheke mehr als vier Kilometer entfernt ist.
    Außerdem werde aktuell die Situation „noch weiter verschärft“, bemängeln die Abgeordneten. Einzelne Bewilligungen für Hausapotheken unter bestimmten Voraussetzungen sind per 31. Dezember 2018 durch das Ende einer Übergangsbestimmung des Apothekengesetzes ausgelaufen.
Andere Kompetenz der Ärzte

In der Sitzung am 21. Februar 2019 wurde dieser Antrag im Landtag diskutiert und die bekannten Argumente wieder aufgewärmt – auf beiden Seiten. Landärzte müssten von ihrer Kernkompetenz auch leben können, sagt etwa LAbg. Mag. Edith Kollermann (Neos). Arzneimittelabgabe und Arzneimittelverschreibung sollten nicht in einer Hand liegen und Apotheken, die nicht über eine ausreichende Kundenfrequenz verfügen, könnten nicht erfolgreich geführt werden.
Ebenfalls eine Lanze für die Apotheker bricht Grünen-LAbg. Mag. Silvia Moser: Die „sehr gut ausgebildeten“ Apotheker hätten umfassendes Wissen über Medikamente, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, sie müssten im Sinne der Qualitätssicherung gestärkt werden. Verordnung und Ausgabe von Medikamenten seien zu trennen, betont sie. „Ein Medikamentenverkauf darf nicht dazu dienen, den Ärzten durch Haus- apotheken ein besseres Einkommen zu verschaffen – je mehr Medikamente verordnet werden, umso besser verdienen die Ärzte“, wird Moser in einer Aussendung noch deutlicher.
Als Lösungen schlägt sie bessere Honorierung der Ärzte, Gemeinschaftspraxen und lebenswerte Infrastruktur vor. Abseits der Notfallapotheke, die es „natürlich in jeder Arztpraxis“ für Akutpatienten geben müsse, könne die Versorgung am Land durch Zustellsysteme oder Filialen der öffentlichen Apotheken ergänzt werden. „Auch eine Liberalisierung des Apothekenmarkts ist vorstellbar“, meint Moser.
Das zusätzliche Einkommen der Gemeindeärzte durch die
Hausapotheke spricht auch LAbg. Dieter Dorner (FP) unumwunden an – dadurch werde der Job attraktiver. Anders als seine Vorredner sieht er beim Hausapothekensystem die Ärzte und die Patienten als „Gewinner“. Als Beispiel bringt er seinen Gemeindearzt und sich selbst, sein Hausarzt sei auch seine „Vertrauensperson“.
Nicht ganz so eingleisig argumentiert LAbg. Kerstin Suchan-Mayr (SP). Hausapotheken seien nicht das Allheilmittel. Es brauche vielmehr ein Bündel an Maßnahmen, die Rahmenbedingungen müssten sich verändern. Zudem: Die Selbstständigkeit der Ärzte bringe einen großen organisatorischen Aufwand mit sich. Suchan-Mayr plädiert daher dafür, die Primärversorgungszentren viel offensiver anzugehen.
Dinhobl selbst hob hervor, dass der Antrag „viele Diskussionen“ nach sich gezogen habe. Die Haus­apotheke habe sich bewährt und viele seien mit diesem System zufrieden. Er sagt aber auch: Die öffentlichen Apotheken müssten erhalten werden, um die medizinische Versorgung sicherzustellen. Weiters brachte er einen Zusatzantrag ein, wonach NÖ Ärztekammer und NÖGKK den „Ärztlichen Bereitschaftsdienst an Sonn- und Feiertagen“ gewährleisten sollen (siehe „Kurz gemeldet“, Seite 2).

Todesurteil für Apotheken

Was hält nun die Standesvertretung vom türkis-rot-blauen Vorstoß? Zuallererst brauche es „mehr Sachlichkeit“, fordert Mag. Peter Gonda, Präsident der Apothekerkammer NÖ, auf Anfrage der Pharmaceutical Tribune. Ein „flexiblerer“ gesetzlicher Rahmen für die Führung einer Hausapotheke bedeute innerhalb weniger Jahre eine massive Zunahme an Hausapotheken und für 20 bis 30 Prozent der Apotheken das „Todesurteil“. Langfristig werde die österreichische Apotheke abgeschafft. Wenn jeder Arzt eine Hausapotheke betreibe, gebe es keine öffentlichen Apotheken mehr. Zudem sei eine ärztliche Hausapotheke auf zirka 20 Quadratmetern mit einer öffentlichen Apotheke in ihrem Lager- und Leistungsspektrum in keinster Weise vergleichbar.
Der Interessenkonflikt Arzt und Medikamentenverkauf sei evident und daher EU- und weltweit ein No-Go. Die Öffnungszeiten seien nicht vergleichbar. „Simpel aus­gedrückt bedeutet das, dass die Ärzte, die ja eigentlich überlastet sind, durch eine weitere Tätigkeit noch mehr belastet werden“, betont Gonda, „völlig unlogisch, hier geht es ausschließlich ums Geld statt um die Patienten!“
Für die im Antrag angesprochenen Probleme der Arzneimittelversorgung von Älteren und Kranken in peripherer Lage hat Gonda folgende Lösungen parat: Betreuungsdienste wie Caritas, Hilfswerk u.a. stünden zur Verfügung. Darüber hinaus funktioniere die Zustellung gerade in ländlichen Gegenden über Verwandte und Nachbarn hervorragend. Eine wirkliche „Notfallzustellung“ sei extrem selten und werde in der Regel sogar durch das Apothekenteam selbst durchgeführt – und das gratis. „Ich selbst habe schon als Apotheker um zwei Uhr nachts Medikamentenzustellungen durchgeführt“, schildert der Präsident.
Einen generellen Nachtdienst der Ärzte gebe es außerdem nicht, verweist Gonda ebenfalls auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs. International gesehen sei das Thema Hausapotheke zu vernachlässigen. Rund 15 Prozent aller Hausapotheken in der EU befänden sich in NÖ. Gonda: „Es ist lächerlich, in Niederösterreich mit einer ‚schlechten Arzneimittelversorgung auf dem Land‘ zu argumentieren. Wollen wir in puncto Versorgung Niederösterreich mit Lappland vergleichen?“

Der Antrag
„Die niederösterreichische Landes­regierung wird ersucht, an die Bundesregierung heranzutreten und diese im Sinne der Antragsbegründung aufzufordern, rasch Vorschläge, welche die notwendigen Rahmenbedingungen für die nachhaltige Absicherung der medizinischen ­Nahversorgung, aber auch der Versorgung mit Arzneimitteln in ländlichen Regionen gewährleistet, vorzulegen.“

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