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„Wir werden nun deutlicher, lauter und unbequemer werden“

Beim diesjährigen Wirtschaftsforum berichtete Verbandspräsident Mag. Jürgen Rehak die Probleme und die Pläne des Verbandes. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, den Apothekern im Gesundheitswesen mehr Gehör zu verschaffen. Um künftig besseres politisches Lobbying betreiben zu können, will man nun Daten sammeln.

Mehr als 300 Teilnehmer, darunter 220 selbstständige Apotheker, fanden sich Anfang Oktober beim diesjährigen Wirtschaftsforum des Österreichischen Apothekerverbandes in Salzburg ein. Verbandspräsident Mag. Jürgen Rehak wies gleich zu Beginn der Veranstaltung die aktuell durch die Medien kursierenden Meldungen, wonach die Apothekerschaft schuld an Lieferengpässen sei, energisch zurück. Diese Meldungen seien nicht nur „höchst entbehrlich und inhaltlich falsch, sie diskreditieren uns Apothekerinnen und Apotheker, und das lassen wir uns nicht gefallen“. 1.370 Apotheken, die 365 Tage im Jahr einen tollen Job machen, zu beschuldigen, sei „eigentlich eine Frechheit“.

Wirtschaftliche Situation

Ein Thema war die wirtschaftliche Situation der Apotheken. Diese erzielten zwischen 2004 und 2018 ein Umsatzplus von 68 Prozent. Zieht man davon den Wareneinsatz ab, bleibt lediglich eine Steigerung von 20 Prozent. Dazu kommt, dass der Verbraucherpreisindex in derselben Zeitspanne um rund 30 Prozent gestiegen ist, während die Krankenkassenvergütung um lediglich 20 Prozent stieg. So verringerte sich die Krankenkassenvergütung pro Apotheke in den letzten zehn Jahren um 14.278 Euro. Berücksichtigt man auch noch die jährliche Inflation ausgehend vom Jahr 2009, „müssten die Apotheken durchschnittlich einen Rückgang der Kassenvergütung von 76.000 Euro hinnehmen“, so Rehak.

Arzneitaxen

Ein Problem sind auch die Arzneitaxe-Artikel, die laut Rehak einen „Verlust nach Vorschrift“ darstellen. So wurden viele Taxen teilweise seit Jahrzehnten nicht angehoben. Als Beispiel brachte Rehak Eibischsirup. Für diesen beträgt die Taxierung (200 g) laut Taxansatz der Krankenkassen 5,40 Euro und der AVP (netto) 6,23 Euro. Die Einkaufspreise für 200 g betragen hingegen zwischen 10,52 und 11,99 Euro. Dass sich hier etwas ändern muss, liegt auf der Hand.

Online-Handel

Ein Problem stellt auch der Online-Handel mit Arzneimitteln dar, der derzeit pro Quartal Zuwächse zwischen 9,42 und 12,92 Prozent erzielt. Die Tendenz ist steigend. Das Jahresumsatzvolumen beträgt 140,8 Millionen Euro. Trotz der hohen Dynamik lassen sich Umsätze meist nur durch hohe Rabatte erzielen. Nicht umsonst betrug der Verlust der Shop Apotheke im Vorjahr 33,6 Millionen Euro.

Bereitschaftsdienste

Der Bereitschaftsdienst der Apotheken kostet 36 Millionen Euro jährlich und wird von den Apotheken nahezu selbst finanziert. Rehak: „Das ist eine Situation, wie es sie im Gesundheitssystem sonst nicht gibt.“ Ein Beispiel, wie es auch anders funktionieren kann, ist Deutschland. Dort wurde bereits 2013 pro Rx-Packung eine Vergütung von 16 Cent eingeführt. Diese fließt in einen von der Apothekerschaft verwalteten Fonds. Der Fondsertrag wird durch die Anzahl der Nachtdienste dividiert, das wiederum ergibt die Vergütung. So wurde in den letzten Jahren jeder Bereitschaftsdienst mit etwa 280 Euro abgegolten. „Das ist ziemlich genau das, was eine österreichische Apotheke für einen Nachtdienst aufwendet“, erklärte Rehak. „Minister Spahn (Deutscher Gesundheitsminister, Anm.) hat jetzt angekündigt, dass er diesen Betrag auf 350 Euro erhöhen wird.“
Der Verbandspräsident erklärte, dass man sich bereits im Sommer, nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos, zur ersten Krisensitzung zusammengesetzt und begonnen hat, Positionen zu diskutieren und eine Strategie zu entwickeln, welche der Standpunkte der Apothekerschaft der Politik am besten zu vermitteln sind und wo die Notwendigkeit besteht, auf Veränderungen zu drängen. Rehak: „Die Nachtdienste sind ganz klar eines dieser Themen – und wir werden uns intensiv um eine Finanzierung bemühen, wir werden in diesem Bereich lästig sein und den Finanzierern auf die Füße treten.“

Ärztliche Hausapotheken

Ein Dorn im Auge sind ihm auch die ärztlichen Hausapotheken. „Für mich sind das ärztliche Notabgabestellen für Medikamente“, so Rehak. Er plädierte dafür, nur noch diese Diktion zu verwenden, denn „die vier Laufmeter Arzneimittel, die hier vorrätig sind, kann doch niemand ernsthaft als Apotheke bezeichnen“. Neben den Ärzten, die diese Diskussion immer wieder anheizen, hat sich bekanntlich nun auch die Bundeswettbewerbsbehörde in die Diskussion eingeschaltet. „Sagen wir es ganz offen: Mit ihrem Ansinnen setzt die Bundeswettbewerbsbehörde die Gesundheit der Österreicher aufs Spiel“, so Rehak. Denn: „Was die Wettbewerbsbehörde hier vorschlägt, bedeutet: Apotheken opfern, damit die Ärzte mehr verdienen.“ Das Beispiel Schweiz, das die Bundeswettbewerbsbehörde vorschlägt, sei ein schlechtes. So gibt es im Kanton St. Gallen mit 100.000 Einwohnern 191 selbstdispensierende Ärzte und nur noch elf Apotheken. „Wenn schon Wettbewerb gewünscht ist, dann aber richtig“, forderte der Präsident. So sollten die ärztlichen Haus­apotheken Öffnungszeiten wie die öffentlichen Apotheken bekommen, sie müssen Pharmazeuten anstellen, Nacht- und Wochenenddienst machen, haben die entsprechenden Auflagen des Apothekengesetzes und der Apothekenbetriebsordnung zu erfüllen, haben ein Labor einzurichten usw. Rehak: „Unter diesen Bedingungen können wir über Wettbewerb reden.“
Die öffentlichen Apotheken hingegen sorgen zusammen mit dem Großhandel für die Arzneimittel-Versorgungssicherheit in diesem Land. Rehak: „Wir sind eine Säule des Gesundheitswesens – und kein Nebeneingang.“

Daten sammeln

Um die Schlüsselrolle der Apotheker im Gesundheitswesen wieder auszuüben, braucht es laut Rehak eine stärkere Honorierung der Leistungen der Apothekerschaft, so wie dies vor einigen Jahren noch gegeben war. Weitere Dienstleistungen, wie die Umsetzung des E-Rezeptes könnten nicht mehr ohne Finanzierung der öffentlichen Hand übernommen werden. Rehak: „Wir werden als Player im Gesundheitswesen nun deutlicher, lauter und unbequemer werden.“ Als Stand müsse man einheitlich und geschlossen auftreten müssen. Um bei der Politik Gehör zu finden, hat man über den Sommer identifiziert, welche Themen für die gesamte Apothekerschaft vordringlich sind und gegenüber der neuen Bundesregierung lobbyiert werden müssen. Dazu wurde eine Broschüre erstellt, die die Grundlage für die Gespräche bilden soll.
Wichtig ist es auch, für Lobbyingtermine über eine fundierte Datenbasis zu verfügen. Dafür wurde das Projekt ApoStar ins Leben gerufen. Dieser monatliche Betriebsvergleich soll betriebswirtschaftliche Daten der Apotheken gewinnen, anonym analysieren und miteinander vergleichen. So können einerseits die Apotheker selbst einen Vergleich ziehen, wie z.B. ihre Kundenfrequenz im Vergleich zu anderen Apotheken ist, andererseits liefert das Programm auch die Daten, die benötigt werden, um die politischen Forderungen zu begründen. Rehak betonte, dass niemand die Detaildaten der einzelnen Apotheken kennt, sondern dass in den Auswertungen immer die Daten von mindestens zehn Apotheken verarbeitet werden, sodass kein Rückschluss auf einzelne Apotheken gezogen werden kann.
„Nur gemeinsam sind wir stark genug, das zu erreichen, was wir wollen. Ziehen wir an einem Strang, wenn es darum geht, die Zukunft der Apotheken als Säule des Gesundheitswesens zu sichern“, rief Rehak abschließend auf.

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