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Umwälzung in der Gesundheitsindustrie bringt große Herausforderungen

Die Gesundheits- und Pharmaindustrie steht an einem Scheidepunkt. Um ihr bisheriges Geschäft auch in Zukunft erfolgreich betreiben zu können, ist es notwendig neue patientenorientierte Technologien einzubinden, meinen Experten. Firmen wie der Pharmariese Roche tun dies bereits.

In der Schweiz bzw. in Österreich platzt am 30. Juni 2017 eine kleine Bombe. Der Schweizer Pharmariese Roche (Umsatz 2018: 49,8 Mrd. Euro) gibt bekannt, dass er das 2012 gegründete österrei­chische E-Health-Unternehmen mySugr übernimmt. mySugr hat sich dem Diabetes-Management verschrieben. Das Besondere an dem Unternehmen: Die Medtech-­Lösung wurde von Diabetikern für Diabetiker entwickelt. Um den Alltag mit Diabetes zu erleichtern, kombiniert mySugr Apps und Services wie Diabetesberatung, Therapiemanagement, unbegrenzt verfügbare Teststreifen, automatisierte Datenverfolgung und bietet zusätzlich eine nahtlose Integration mit einer wachsenden Zahl von medizinischen Geräten. In den Medien wird damals heftig über den Preis spekuliert, von 70 bis 200 Millionen Euro ist die Rede. Tatsächlich lag der Preis etwas darunter. Im jüngsten Geschäftsbericht des Schweizer Konzerns werden die Kosten der Übernahme mit „64 Millionen Euro, die in bar gezahlt wurden“, beziffert.

Eine Studie lässt aufhorchen

Ziemlich genau drei Jahre nach der Übernahme von mySugr durch den Pharmakonzern Roche präsentieren die Experten von Strategy&, dem Strategieberatungsarm von PwC, einem der größten Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmen der Welt, ihre Untersuchung mit dem Namen „Driving the future of health“. Basierend auf einer Befragung von mehr als 120 Managern der Top-Pharmaunternehmen der Welt kommen die Berater zum Schluss, dass das globale Healthcare-Marktvolumen bis 2030 um 10 Prozent, von aktuell 10,6 Billionen (2018) auf 11,6 Billionen US-Dollar wachsen wird. Manche Forscher, wie etwa jene vom In­stitute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington, rechnen sogar mit einem Wachstum von 42 Prozent, heißt es in der Studie (siehe Tabelle).

Eigentlich keine allzu schlechten Aussichten für die Pharma- und Healthcare-Unternehmen dieser Welt. Weil die Gesundheitsbudgets aber nicht im selben Ausmaß anwachsen, wie es dem stark wachsenden Anteil der Menschen mit einem Zugang zur Gesundheitsversorgung entsprechen würde, rechnen die befragten Manager mit einem Rückgang der Ausgaben pro Patient um mehr als ein Viertel – exakt sind es 27,5 Prozent. Das wiederum wird die Margen der Pharmaunternehmen unter Druck bringen.
In einem ihrer Zukunftssze­narien rechnen die Experten vor, dass bei gleichbleibenden Ausgaben pro Patient die durchschnittliche Netto-Umsatzrendite in der Branche von aktuell 25 Prozent deutlich zurückgehen werde. Bis auf 17 Prozent könnte die Rendite fallen, heißt es in der Studie. Dazu kommt, dass die Gesundheitsbudgets drastisch umverteilt werden, wovon sowohl die Forscher als auch die in der Studie befragten Manager ausgehen. Wachstum erwarten die befragten Pharmamanager vor allem in den Bereichen Diagnostik (+524 Prozent), Prävention (+244 Prozent) und digitale Gesundheit (+205 Prozent). Bis 2030 wird es zu massiven Ausgabenverschiebungen kommen. Der Anteil der medizinischen Versorgung an den Gesamtausgaben im Healthcare-Sektor wird um fast 16 Prozent schrumpfen. Dies entspricht einem Rückgang von rund 1,2 Bio. US-Dollar auf globaler Ebene bis 2030, heißt es.
Dr. Thomas Solbach, Health­care-Experte und Partner bei Strategy& in Deutschland, meint dazu: „Im Rahmen unserer Befragung erwarten die Gesundheitsmanager unsichere Zeiten für ihr derzeitiges Geschäftsmodell. Die traditionellen Pharmakonzerne müssen entweder sehr viel effizienter werden, um ihre Margen zu halten, oder sie investieren gezielt in Wachstumsfelder wie Diagnostik, Prävention und Digital Health-Lösungen.“ Durch die Tech-Konzerne dieser Welt droht den traditionellen Pharmaunternehmen zusätzliche neue Konkurrenz. Thomas Solbach: „Allein die Zahl der Partnerschaften, Zukäufe und Ventures großer Player wie Amazon, Alphabet, Apple, Alibaba und Tencent hat sich im Healthcare-Sektor zwischen 2014 und heute verzwölffacht. Zudem halten diese Unternehmen mittlerweile mehr als 6.000 gesundheitsbezogene Patente.“

Die Sicht der Konsumenten

Apropos Datenschutz – wie sehen die Konsumenten die Entwicklung? Laut einer 2019 veröffentlichten Studie des PwC Health Research Institute steige die Anzahl der Menschen, die einem Einstieg der Tech-Giganten in das Healthcare Business positiv gegenübersteht. Gemäß dieser Studie würden rund 50 Prozent der US-Konsumenten sehr gerne bzw. gerne eine von der US-Gesundheitsbehörde geprüfte App für ihre Behandlung ausprobieren. Sie hätten auch kein Problem damit, von Tech-Unternehmen wie Google oder Microsoft Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. In Deutschland wiederum haben 60 Prozent der Konsumenten eine positive Einstellung gegenüber neuen Technologien in der Gesundheitsindustrie und in Großbritannien würde, laut einer anderen PwC-
Studie, ein Drittel der Patienten einer größeren von künstlicher Intelligenz gesteuerten invasiven Operation zustimmen.
Die Zukunft der Branche liegt laut 96 Prozent der befragten Manager in der patientenorientierten Gesundheitsindustrie. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Pharmariesen wie Roche erkleckliche Summen aufbringen, um junge Start-ups wie mySugr zu übernehmen.

Wie sich die Gesundheitsbudgets weltweit bis 2030 verändern werden
Angaben in Milliarden US-Dollar bzw. Prozent

2018 Prognosen Studie (1) Erwartungen der Forscher (2)
US-Dollar 10.600 11.600 15.000
Diagnose 1 % 6 % 6 %
Vorbeugung 3 % 9 % 9 %
andere (z.B. Digital Health) 3 % 8 % 8 %
Gesundheitssystem (inkl. Verwaltung) 6 % 6 % 6 %
Medikation 17 % 17 % 17 %
Pflege (ohne Medikation) 70 % 54 % 54 %

 

Hier können Sie die gesamte Studie downloaden: https://pwc.to/2ZvFnOP

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