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Die Margen schmelzen dahin

Der „Pharma Forecast Austria 2023“ berechnet die Entwicklung bei den Arzneimittelausgaben im niedergelassenen Bereich für die nächsten vier Jahre.

„Das Gesundheitswesen wird überwiegend öffentlich finanziert. Viele Entscheidungen werden daher nicht dezentral auf einem Markt getroffen, sondern zentral geplant“, erklärt Dr. Thomas Czypionka, Head of Health Economics and Health Policy am Institut für höhere Studien (IHS) in Wien: „Daher benötigt es belastbares Datenmaterial, das die zukünftigen Ausgaben planbar macht.“ Mit dem „Pharma Forecast Austria 2023“ wurde soeben derartiges Datenmaterial über die Entwicklung bei den Arzneimittelausgaben im niedergelassenen Bereich in den nächsten vier Jahren präsentiert. Es handelt sich um eine vom Österreichischen Apothekerverband, dem Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), dem Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI) und der Pharmig, dem Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs, in Auftrag gegebene Studie.

Wachstum in Sicht

Die Kernaussage lautet: Der erstattungsfähige Arzneimittelmarkt wird bis 2023 jährlich real um durchschnittlich 1,5 Prozent wachsen. „Während die Gesundheitsausgaben nach wie vor einen geringfügigen Aufwärtstrend zeigen, bleibt der Anteil der extramuralen öffentlichen Arzneimittelausgaben derzeit eher stabil“, kommentiert Czypionka dieses Ergebnis.
Grund für das moderate reale Wachstum seien die Auswirkungen der gesetzlich vorgeschriebenen Preisreduktionen von Original- und Nachfolgepräparaten nach Patentabläufen, erläutert Mag. Stefan Baumgartner, General Manager des Unternehmens IQVIA, das die Untersuchung durchgeführt hat: „Es ist anzunehmen, dass das Wachstum noch geringer ausfallen wird.“ Denn zusätzlich zu den gesetzlichen Regularien wirke auch die Marktdynamik auf die Preise. Das heißt, dass Unternehmen oftmals ihre Preise im Zuge des Wettbewerbs senken, außerdem seien individuelle Rabatte der Hersteller nicht in die Berechnung mit aufgenommen worden.

Motor Innovationen

Die Prognose zeigt, dass durch die Preissenkungen nach Patentabläufen in der Höhe von insgesamt etwa 944 Millionen Euro die erwartbaren Mehrkosten für innovative Arzneimittel in Höhe von etwa 454 Millionen Euro mehr als wettgemacht werden. „Gäbe es keine Innovationen, wäre der Markt sogar rückläufig“, unterstreicht Baumgartner.
„Die Zahlen des Pharma-Fore­cast legen nahe, dass das Wachstum der öffentlichen Arzneimittel­ausgaben im niedergelassenen Bereich mittelfristig kein Finanzierungsproblem erzeugt und dass das Ausgabenwachstum konstant ist, obwohl durch einige Neuentwicklungen ein Zusatznutzen für die Patienten entsteht“, analysiert Czypionka. Die Studie mache aber auch deutlich, dass es abseits der Finanzierbarkeit in einigen Bereichen Probleme gebe: „So können durch über die Jahre konstante Preise der patentfreien Arzneimittel bei steigenden Arbeitskosten Probleme für Hersteller und Apotheken entstehen, da erzielbare Margen in diesem Bereich abschmelzen.“ Bei jährlich steigender Rezeptgebühr, so der Gesundheitsökonom, fallen auch für die Patienten immer mehr Medikamente aus der Erstattung und werden nicht auf die Rezeptgebührenobergrenze angerechnet.

Evidenz statt Glaskugel

Was ist die Intention dieser Studie? Welche Implikationen werden daraus abgeleitet? Mit diesen Fragen sahen sich die Auftraggeber des „Pharma Forecast Austria 2023“ auf der Pressekonferenz, in der die Studie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, konfrontiert. Sie ließen sich freilich nicht in die Karten schauen. Es handle sich um eine Einladung an die anderen Stakeholder, „fakten- und evidenzbasiert in die Zukunft zu blicken“, betonte FOPI-Präsident Mag. Ingo Raimon. „Man sollte keine politischen Implikationen hineininterpretieren“, sagte FCIO-Geschäftsführerin Mag. Sylvia Hofinger. „Wir implizieren gar nichts“, unterstrich auch Pharmig-Generalsekretär Mag. Alexander Herzog: „Aus dem Forecast ergeben sich keine wie auch immer gearteten Ableitungen. Das ist einfach ein Rechenmodell.“
Lediglich Mag. Jürgen Rehak, Präsident des Apothekerverbandes, lässt mögliche Konsequenzen durchblicken: „Für die Apotheken zeigt die Darstellung, dass sich die Margenentwicklung zum Teil deutlich unter dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes befindet, jedenfalls unter dem Wachstum der Einnahmen der Krankenkassen.“ Der „Pharma Forecast Aus­tria 2023“ bestätige damit die „Rückwärtsentwicklung“ der letzten zehn Jahre im Bereich der Apotheken. „Das werden wir zwangsweise mit dem zahlenden System besprechen müssen“, bekräftigt Rehak.

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